Wie Bilder im Kopf zu Realität werden

Bild: © Pixabay

Von Corinna Crestani, Maryam Ghanem, Lisa Hofbauer, Sinem Şık und Aleksandra Stefanovic

Abstract

“Language is very powerful. Language does not just describe reality. Language creates the reality it describes.”

Desmond Tutu

Those words give a great power of influence to a society’s language on the lives of the individual. In fact societies which use gendered language are even proven to show a higher level of gender inequality. (see Prewitt-Freilino, Caswell & Laakso, 2012) Gender Mainstreaming serves as an instrument to create equal opportunities and equal status for all genders. The City of Vienna, ranked as world’s top city for quality of life for the tenth time in 2019, has its own Department for Gender-Mainstreaming: „In a society that commits itself to the equality of women and men, that equality has to be also represented in the usage of language.” (Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache 2011, p. 5)

The present paper examines how the City of Vienna implemented gender sensitive language through the gender mainstreaming approach within their own internal and external communication. The actions that have been taken by the City of Vienna to create equality through gender sensitive language have been analysed within two expert interviews with Ursula Bauer, the Head of the Department for Gender Mainstreaming of the City of Vienna, and Eva Gassner, media spokesperson for the City of Vienna. To standardize a consequent usage of gender sensitive language in the communication of the City of Vienna, the Department for Gender Mainstreaming in cooperation with several other Departments installed a manual for gender sensitive phrasing and anti-discriminatory visual language. Furthermore workshops about gender sensitive language have been held as well as the installation of an e-learning platform. This project is ongoing as the manual is constantly revised and improved. The current point of focus within the working-group is how to represent the third gender through the communication of the City of Vienna: a balancing act between easily comprehensible language and fair language.

To determine how the approach of Gender Mainstreaming in concern to the communication of the City of Vienna was realized in practice, a quantitative content analysis of press releases of the City of Vienna was conducted by holding the press releases against the City of Vienna’s own benchmark, its own manual for gender sensitive language.

The results of the present study shows, that there is still work that needs to be done as merely more than 50 per cent of the vetted press releases showed consequent usage of gender sensitive language.

Forschungsergebnisse: Gender Mainstreaming in der Stadt Wien am Beispiel der geschlechtergerechten Sprache

„Gender Mainstreaming ist ein umfassendes Instrument, um geschlechterpolitische Ziele zu erreichen“ (S. 12) schreibt Barbara Stiegler (2005) in ihrem Aufsatz „Gender Mainstreaming, Frauenförderung, Diversity oder Antidiskriminierungspolitik – Was führt wie zur Chancengleichheit?“. Sie beschreibt Gender Mainstreaming als eine Strategie, die „ausschließlich für Institutionen und Organisationen geeignet“ (S. 12) ist und der „Herstellung der Chancengleichheit oder Gleichstellung der Geschlechter durch die Analyse aller Lebensbereiche“ (S. 13) dient. In der Stadt Wien wird diese Strategie vom Dezernat für Gender Mainstreaming durchgesetzt, das mit der Aufgabe betraut ist, eine Gleichstellung der Geschlechter querschnittsmäßig in allen Bereiche des Magistrats sicherzustellen.

Dabei liegt das Hauptaugenmerk des Dezernats für Gender Mainstreaming darauf, ob alle Leistungen, die das Magistrat anbietet, für Männer und Frauen gleichermaßen zugänglich sind. Dazu gehört auch, sicherzustellen, dass Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen werden, weshalb geschlechtergerechte Sprache ein wesentlicher Punkt der Strategie Gender Mainstreaming der Stadt Wien ist. „Wenn es darum geht, alle gleichermaßen zu erreichen, muss ich auch alle gleichermaßen ansprechen“, sagt Ursula Bauer, Leiterin des Dezernats für Gender Mainstreaming. „Wenn ich immer nur in der männlichen Form spreche, fühlt sich ein Großteil der Bevölkerung nicht angesprochen und ist auch nicht mitgemeint. Gleichstellung kann man ohne geschlechtergerechte Sprache nicht erreichen.“ (Interview-Transkript, S: 1–2)

Wie das Instrument Gender Mainstreaming in der Sprache und konkret in der Öffentlichkeitsarbeit und den Pressemitteilungen der Stadt Wien zur Anwendung kommt, wurde im Rahmen unseres Forschungsprojektes erhoben und soll nachfolgend dargelegt werden.

Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Öffentlichkeitsarbeit und im Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien

Um den einzelnen Magistratsabteilungen eine Richtschnur für den Gebrauch von geschlechtergerechter Sprache zu geben, erstellte das Dezernat Gender Mainstreaming den „Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache“ (2011). In diesem sind konkrete Vorschläge, wie sprachlich sichergestellt werden kann, dass sich Männer und Frauen gleichermaßen angesprochen fühlen. Als wesentlichen Grundsatz formuliert die Stadt Wien in ihrem Leitfaden: „In einer Gesellschaft, die sich zur Gleichwertigkeit und zur Gleichstellung von Frauen und Männern bekennt, muss Geschlechtergerechtigkeit auch sprachlich zum Ausdruck kommen.“ (Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache 2011, S. 5)

Um beide Geschlechter in Texten anzusprechen, schlägt die Stadt Wien im Leitfaden drei Möglichkeiten des Formulierens vor: die Paarform mit „Titanic-Prinzip“ (weibliche kommt vor männlicher Form), das Binnen-I und geschlechtsneutrale Formulierungen. Bei diesen Empfehlungen orientierten sich die Verfasser*innen laut Ursula Bauer daran, was damals „Status Quo der feministischen Sprachwissenschaft war“ (Interview-Transkript, S. 4).

Andere Möglichkeiten, wie etwa das Gendern mit einem Asterisken oder Gendersternchen, das meist dazu verwendet wird, um ein drittes Geschlecht anzuzeigen bzw. um „die Realität geschlechtlicher Vielfalt sprachlich sichtbar zu machen“ (Geschlechterinklusiver Sprachgebrauch in der Administration der Universität Wien, S. 3), sind im Leitfaden der Stadt Wien nicht inkludiert. Der Leitfaden ist aber, wie Ursula Bauer sagt, „nichts was in Stein gemeißelt ist“ (Interview-Transkript, S. 26) und wird immer wieder überarbeitet. Derzeit beschäftigt sich das Dezernat etwa gerade damit, wie das dritte Geschlecht in der Sprache sichtbar gemacht und dennoch sichergestellt werden kann, dass sich der Großteil der Bevölkerung von der Verwaltung gleichermaßen angesprochen fühlt. Ein weiterer Bereich, an dem das Magistrat der Stadt Wien gerade arbeitet, ist die „leichtverständliche Sprache“. Hier werden laut Eva Gassner, die mit der Erstellung des Leitfadens betraut ist, unter anderem Empfehlungen ausgearbeitet, wie leicht verständliche, einfache Sprache, aussehen kann, unter Rücksichtnahme darauf, alle Personen und Geschlechter gleichermaßen anzusprechen.

Gender Mainstreaming ist eine Strategie, die von oben nach unten, also „top-down“, implementiert wird (vgl. Stiegler 2005). Nach diesem Prinzip wurde auch bei der Erstellung des „Leitfadens für geschlechtergerechte Sprache“ gearbeitet. Der Leitfaden wurde 2010/2011 vom Dezernat für Gender Mainstreaming gemeinsam mit dem Presse- und Informationsdienst, der Frauenabteilung, der Verwaltungsakademie, dem Übersetzungsdienst, den Gleichbehandlungsbeauftragten, dem Krankenanstalten-Verbund und der Antidiskriminierungsstelle ausgearbeitet und dann an die einzelnen Magistratsabteilungen übermittelt. Neue Mitarbeiter*innen der Stadt Wien erhalten eine „Willkommensmappe“, in der unter anderem auch der Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache enthalten ist. Das Dezernat für Gender Mainstreaming ist Ansprechpartner bei Unklarheiten zum Thema geschlechtergerechtes Formulieren und auch Fortbildungskurse an der Wien Akademie werden angeboten.

Den Abteilungen, in denen der „Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren“ zur Anwendung kommt, wird seitens des Dezernats Gender Mainstreaming die Möglichkeit geboten, Feedback zu geben, etwa in Form einer Umfrage. Bei dieser ergab sich kurz nach Einführung des Leitfadens 2011, dass zwischen 70 und 80 Prozent der Mitarbeiter*innen der Abteilungen zufrieden mit der Einführung des Leitfadens waren. Bei einer erneuten Befragung im Jahr 2019 waren bereits fast 100 Prozent mit den Inhalten des Leitfadens zufrieden. Diese hohe Zufriedenheit sieht Ursula Bauer darin begründet, dass die meisten Mitarbeiter*innen froh waren, eine klare Vorgabe zu haben, wie sie ihre Aussendungen, Formulare oder Webseiten geschlechtergerecht gestalten können.

Gender Mainstreaming am Beispiel der Presseaussendungen der Stadt Wien

Im Rahmen unserer Erhebung haben wir, um die praktische Anwendung der geschlechtergerechten Sprache zu untersuchen, exemplarisch die Presseaussendungen der Stadt Wien im Zeitraum von 1. bis inklusive 14. Oktober 2019 analysiert. Mittels quantitativer Inhaltsanalyse wurde untersucht, ob geschlechtergerechte Sprache zur Anwendung kam, welche Form des Genderns verwendet wurde und ob Männer und Frauen gleich häufig in direkten (oder indirekten) Zitaten zu Wort kamen bzw. gleichermaßen namentlich erwähnt wurden. Des Weiteren haben wir untersucht, wie häufig das Indefinitpronomen „man“ in den Presseaussendungen verwendet wurde, da der Leitfaden der Stadt Wien empfiehlt, dieses zu vermeiden (vgl. Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache 2011).

Insgesamt wurden 169 Presseaussendungen untersucht, bei 121 dieser Presseaussendungen war gendern nötig (bei den restlichen 48 Presseaussendungen wurden entweder keine Personenbezeichnungen oder Bezeichnungen wie „Mensch“, „Publikum“ oder „Beteiligte“ verwendet, bei denen es keine Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Wörtern gibt). Von diesen 121 Presseaussendungen wurde bei 70 (rund 58 Prozent) gegendert, bei 33 (27 Prozent) nicht konsequent gegendert und bei 18 (15 Prozent) gar nicht gegendert. Am häufigsten wurde dabei mit dem Binnen-I (44 Prozent) sowie mit der Paarform mit „Titanic-Prinzip“ (40 Prozent) gegendert. Insgesamt kamen in den Presseaussendungen 153 Personen zu Wort, davon waren 61 Prozent Männer und nur 39 Prozent Frauen. Namentlich erwähnt wurden 451 Personen, davon waren 63 Prozent Männer, 37 Prozent Frauen. Das Indefinitpronomen „man“ wurde in lediglich 19 Presseaussendungen (elf Prozent) verwendet.

Die Presseaussendungen werden von Pressesprecher*innen der Politiker*innen sowie der einzelnen Institutionen verfasst. Diese sind mit dem Leitfaden des Dezernats für Gender Mainstreaming vertraut, dennoch wurde nur in 58 Prozent der untersuchten Presseaussendungen auf geschlechtergerechte Formulierungen geachtet. Grund dafür könnte, wie Eva Gassner vom Presse- und Informationsdienst im Interview sagte, der hohe Zeitdruck sein, unter dem Presseaussendungen verfasst werden, da dabei kaum Zeit bleibt „schön auf die Sprache“ (Interview-Transkript, S. 33) zu achten.

Relevanz für Kommunikationswissenschaft/im Medienkontext

Ein Problem der geschlechtergerechten Sprache in den Presseaussendungen ist, dass diese meist an die Presse gesandt werden, die selbst jedoch keine geschlechtergerechten Formulierungen verwendet. Dadurch geht der geschlechtergerechte Sprachgebrauch verloren, bevor er überhaupt von der Bevölkerung in den Medien rezipiert wird.

Aus dieser Problemstellung ergibt sich auch die Relevanz des Themas Gender Mainstreaming und geschlechtergerechter Sprachgebrauch für die Kommunikationswissenschaft bzw. für die Massenmedien. Die meisten Massenmedien verwenden nach wie vor vorrangig das generische Maskulinum in ihrer Berichterstattung, wodurch verhindert wird, dass Männer und Frauen gleichermaßen angesprochen werden. Am Beispiel der Presseaussendungen der Stadt Wien wird jedoch gezeigt, dass geschlechtergerechte Sprache nicht im Widerspruch zu leichtverständlicher, lesbarer Sprache steht.


Quellenverzeichnis

Cochlar, Daniela, Bauer, Ursula, Kodym, Sandra, & Zauner, Karin (2011): Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache, Wien. URL: https://www.wien.gv.at/medien/service/medienarbeit/richtlinien/pdf/leitfaden-formulieren-bf.pdf (letzter Zugriff: 19. Jänner 2020).

Prewitt-Freilino, Jennifer L., Caswell, T. Andrew., & Laakso, Emmi K. (2012): The Gendering of Language: A Comparison of Gender Equality in Countries with Gendered, Natural Gender, and Genderless Languages. Sex Roles, 66(3-4), S. 268–281.

Stiegler, Barbara (2005): Gender Mainstreaming, Frauenförderung, Diversity oder Antidiskriminierungspolitik – was führt wie zur Chancengleichheit? Zeitschrift für Frauenforschung und Geschlechterstudien, 23(3), S. 9–21.

Universität Wien (2019): Geschlechterinklusiver Sprachgebrauch in der Administration der Universität Wien: Leitlinie und Empfehlungen zur Umsetzung.

URL: https://personalwesen.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/d_personalwesen/­Gleichstellung/Dokumente/Geschlechterinklusiver_Sprachgebrauch_in_der_Administration_der_Universitaet_Wien.pdf (letzter Zugriff: 19. Jänner 2020)

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