Ursula Bauer im Gespräch: Wie Wien spricht

Von Corinna Crestani, Maryam Ghanem, Lisa Hofbauer, Sinem Şık und Aleksandra Stefanovic

Ursula Bauer setzt Worte buchstäblich in Taten um. Bereits seit vielen Jahren ist sie in der Stadt Wien im Magistrat tätig und bemüht sich, der Öffentlichkeit Themen wie Gender Mainstreaming mithilfe von Genderanalysen, Gendertrainings, Sensibilisierungskampagnen und vielen weiteren Projekten näherzubringen. Wir haben Ursula Bauer getroffen und einen Einblick hinter die Kulissen bekommen. Der Koordinierung und Implementierung von Gender Mainstreaming widmet sich Bauer schon seit 2005, so auch der Entwicklung eines Leitfadens für gendergerechtes Formulieren. 

Bilder: © Aleksandra Stefanovic

Was genau ist der Zuständigkeitsbereich des Dezernats für Gender Mainstreaming?

Bauer: Unsere wesentliche Aufgabe ist, darauf zu achten, dass alle Leistungen, die die Stadt Wien anbietet, für Frauen und Männer gleichermaßen zugänglich sind.

Dafür machen wir Genderanalysen mit den unterschiedlichen Dienststellen, entwickeln Maßnahmen zur Förderung von Gleichstellung und beraten die Dienststellen bei deren Umsetzung. Wir sorgen dafür, dass Informationen und Know-how über Gender Mainstreaming in alle Bereiche der Stadt Wien gelangt.

Wir befassen uns auch mit der geschlechtergerechten Sprache. Denn damit alle Leistungen der Stadt von Frauen und Männern gleichermaßen in Anspruch genommen werden, müssen Frauen und Männer erst einmal gleichermaßen angesprochen werden.

Nun ist der Sprachleitfaden der Stadt Wien ja eine solche Maßnahme, die sicherstellen soll, dass Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen werden. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass geschlechtergerechte Sprache verwendet wird?

Bauer: Das ist ein Gebot der Fairness und des Respekts: Wenn die Stadt Wien alle gleichermaßen erreichen möchte, muss man auch alle gleichermaßen ansprechen. Wenn ausschließlich im generischen Maskulinum kommuniziert wird, bleiben Frauen – auch wenn sie, wie so oft gesagt wird, „mitgemeint“ sind – unsichtbar. Ohne faire Sprache kann keine Gleichstellung der Geschlechter erreicht werden.

Dabei endet das Nachdenken über geschlechtergerechte Sprache nicht beim formalen Sprachgebrauch. Sprache erzeugt Bilder und bestimmt somit auch den Inhalt und die Verständlichkeit. Wenn alle Geschlechter gemeint sind, muss auch über alle Geschlechter gesprochen werden. So wird Klarheit geschaffen.

Im Leitfaden liegt der Fokus auf drei Formen der geschlechtergerechten Sprache: der Paarform, dem Binnen-I und der geschlechtsneutralen Formulierung. Wie kam es zu dieser Auswahl und warum werden dabei andere Formen, die zum Beispiel auch das dritte Geschlecht miteinbeziehen, ausgeschlossen?

Bauer: Diese Auswahl basiert auf den Empfehlungen der deutschen Sprachwissenschaft zur Zeit der Entstehung des Leitfadens (Anmerkung: Der Leitfaden entstand 2011). Die Paarform ist im Grunde einmal die bildhafteste Form. Sie erzeugt Bilder von Männern und Frauen im Kopf. Geschlechtsneutrale Formulierungen werden vor allem bei komplizierteren Texte wie Rechtstexten oder technischen Texten verwendet.

Das Binnen-I war damals State oft the Art, das verbreitetste Mittel und somit unser Mittel der Wahl. Noch heute ist das Binnen-I das Symbol für Gleichstellung. Laut Louise F. Pusch, der bekannten deutschen Sprachwissenschaftlerin,  kommt das Binnen-I dem generischen Femininum optisch außerdem am nächsten. Es war lange Zeit das Kampfsymbol des Feminismus in der Sprache und löste eine Revolution des deutschen Sprachgebrauchs aus. Das dritte Geschlecht wurde zur Zeit der Erstellung des Leitfadens vom Verfassungsrecht noch nicht anerkannt.

Die Bevölkerung hat sich damals, also 2011, was die Sprache betrifft in drei Teile geteilt: Der erste Teil, der sich komplett gegen die geschlechtergerechte Sprache wehrte, dann der immer größer werdende Teil, der die Sache pragmatisch sah und sich an das Binnen-I gewöhnt hat, und schließlich der kleine akademische Teil, der auch das dritte Geschlecht miteinbeziehen wollte. Wir haben uns bei der Erstellung des Leitfadens auch mit der Antidiskriminierungsstelle beraten und sind schließlich zu dem Schluss gekommen, dass wir uns bei dieser Gratwanderung zwischen politischer Korrektheit und verständlicher Sprache auf die leicht anwendbaren und verständlichen Basics, wie das Binnen-I und die Paarform, fokussieren.

Auch Bilder können diskriminierend sein. Worauf muss im Hinblick auf die Bildsprache und die Darstellung der Geschlechter geachtet werden?

Bauer: Hier ist wichtig, dass beide Geschlechter auf Augenhöhe repräsentiert werden. Es gibt viele Bilder, die die klassischen Geschlechterrollen wiederholen: Auf diesen bringt die Frau den Männern im Büro Kaffee oder der Frau wird von einem Mann etwas erklärt. Diese Bilder sind sexistisch und repräsentieren die Geschlechter nicht gleichwertig. Meiner Meinung nach wäre es angebracht, dass jedes Medium Zugang auf eine Datenbank mit Best-Practice-Fotos besitzt. Aus diesen Fotos können Texte dann geschlechtergerecht bebildert werden, ohne dass diskriminiert wird.

Wie kam es zur Umsetzung des Leitfadens für geschlechtergerechte Sprache? Wer war an seiner Erstellung beteiligt?

Bauer: Involviert waren VertreterInnen der Frauenabteilung, der Verwaltungsakademie, des Übersetzungsdienstes, des Krankenanstaltenverbundes, der Antidiskriminierungsstelle und die Gleichbehandlungsbeauftragte. Vom PID (Anmerkung: Presse- und Informationsdienst) waren drei MitarbeiterInnen beteiligt, die in ihrer Form als MultiplikatorInnen im PID dienten. Von dort aus wurden nach Implementierung des Leitfadens die Presseaussendungen, der Social Media Content und die gesamte Webseite der geschlechtergerechten Sprache angepasst.

Wie wurde der Leitfaden von den MitarbeiterInnen beim PID aufgenommen?

Bauer: Im Großen und Ganzen wurde der Leitfaden, so wie in allen anderen Abteilungen, beim PID gut aufgenommen. Wie überall in der Bevölkerung gibt es eben die, die sich dafür interessieren und sich über die Änderungen freuen, dann gibt es diejenigen, denen das eigentlich egal ist, und ganz wenige, die sich dagegen wehren. Im gesamten Magistrat wurde dieses Jahr auch eine Umfrage zur zur Umsetzung von Gender Mainstreaming durchgeführt und die Ergebnisse sind überaus positiv: Fast 100 Prozent der Abteilungen halten die geschlechtergerechte Sprache für sinnvoll. Das heißt, die Zeiten, in denen für die Durchsetzung der geschlechtergerechten Sprache gekämpft werden musste, sind eigentlich vorbei. Jetzt geht es vielmehr darum herauszufinden, wie geschlechtergerechte Sprache richtig, fair für alle und einfach handhabbar umgesetzt werden kann.

Gibt es eine Kontrollinstanz, die schaut, ob geschlechtergerechte Sprache verwendet wurde?

Bauer: Ich glaube, die Kontrollinstanz gibt es insofern, dass wir und die KollegInnen von der Frauenabteilung darauf schauen. Zum Glück gibt es auch immer mehr interessierte und engagierte KollegInnen in der gesamte Verwaltung, die ein kritisches Auge auf Texte und Bilder haben. Ich glaube, die Bewusstseinsarbeit hat da ganz gut gegriffen, eben auch durch konsequentes Verwenden der geschlechtergerechten Sprache, durch konsequente Schulungen und durch konsequentes Darauf-Hinweisen. Also da funktioniert die soziale Kontrolle ganz gut. Sonst kontrollieren schon auch wir – aber das macht nur einen sehr kleinen Teil unserer Arbeit aus.

Ursula Bauer.
© Aleksandra Stefanovic

Sie haben von Schulungen gesprochen. Werden die MitarbeiterInnen bei Ihnen geschult?

Bauer: Naja, es ist so: Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sehen, dass geschlechtergerechte Sprache einfach Standard bei der Stadt Wien ist. In vielen Willkommensmappen ist der Leitfaden und ein kleiner Folder mit den wichtigsten Grundsätzen enthalten. Man kann auch einfach bei uns anrufen oder Schulungen bei der Wien Akademie – der internen Weiterbildungsschiene der Stadt Wien – buchen. Wir haben seit letztem Jahr auch ein E-Learning-Tool, das die wichtigsten fünf Grundsätze zu Gender Mainstreaming behandelt. Der erste dieser Grundsätze ist die geschlechtergerechte Sprache.

Wird der Leitfaden eigentlich immer wieder überarbeitet?

Bauer: Wir sind jetzt gerade in der Überarbeitung. Auslöser war auch die Diskussion, wie das dritte Geschlecht korrekt einzubeziehen ist. Da gibt es auch unterschiedliche Auffassungen, innerhalb und außerhalb der Verwaltung. Wir müssen da schauen, wie wir einen Übergang schaffen und Formulierungen finden, die niemanden ausschließen. Es ist jedenfalls Vorsicht geboten, dass keine Rückschritte kommen, denn die aktuelle Diskussion birgt auch Gefahren: Da kommen zum einen die alten Traditionalisten wieder heraus  und sagen, “Das ist alles zu kompliziert. Mit dem generischen Maskulinum sind eh alle gemeint.” Oder dann gibt es eine Gruppe, die komplett neutral formulieren möchte. Da wird dann eigentlich niemand konkret angesprochen, es wird sehr unpersönlich und die Sichtbarkeit von Männern und Frauen geht wieder verloren. Meine Überzeugung ist, dass wir noch nicht so weit sind, dass ich sagen kann, wenn ich neutral formuliere, sind tatsächlich alle damit gemeint.

Ich höre heraus, dass das dritte Geschlecht eine der größten Herausforderungen ist.

Bauer: Das ist uns ein großes Anliegen, aber es ist eine irrsinnige Herausforderung. Ich kann jetzt nicht als Frau, die dafür gekämpft hat, dass Frauen sichtbar werden, auf das dritte Geschlecht verzichten, weil die Frauen sonst womöglich wieder verlorengehen. Entweder ich bin für Gleichberechtigung für alle oder ich kann den Kampf für Frauenrechte auch gleich bleiben lassen. Die Herausforderung ist jetzt etwas zu finden, das Frauen und Männer, die Hauptbruchlinien der Gesellschaft, noch sichtbar macht UND das Personen mit anderen Geschlechtsidentitäten auch anspricht. Dabei muss die Lösung aber so praktikabel sein, dass alle Zielgruppen der Verwaltung damit zurecht kommen.

Das Gender-Sternchen zum Beispiel würde alle definierten und undefinierten Geschlechter gleichermaßen ansprechen, nur ist das Problem hier Folgendes: Anatol Stefanowitsch, ein bekannter deutscher Sprachwissenschaftler, stellt in seinem Blog die Frage, ob das Gender-Sternchen wirklich überall greifen kann. Es gibt viele Leute, die nicht daran glauben, dass es andere Identitäten gibt. Solange Leute nicht davon überzeugt sind, können wir das Gender-Sternchen zwar benutzen, aber es wird kein spontanes Mitdenken erzeugen. Wenn ich „Männer und Frauen“ sage, entsteht ein Bild. Wenn ich „Buslenkerin und Buslenker“ sage, hat das hat ja auch den Hintergrund, dass ich Buslenkerinnen stärker sichtbar machen kann. Was entsteht, wenn ich Buslenker-Sternchen-innen höre? Was entsteht dann für ein Bild? Bei vielen gar keines. Eine Sprachwissenschaftlerin der Uni Wien hat letztens in einer Diskussion gesagt, dass das Gender-Sternchen wahrscheinlich die derzeit beste Option ist, aber eigentlich müsste die deutsche Sprache völlig neu ausgerichtet werden, weil durch das, wie wir reden und das, wie das Deutsche gestaltet ist, zu wenig Bilder mit undefinierten Geschlechtsidentitäten entstehen.

Bei der Stadt Salzburg wurde die Sprache etwa umgestellt und der oberste Grundsatz ist nun, geschlechtsneutral zu formulieren. Das heißt, da gehen Frauen und Männer eigentlich verloren. In unserer Wiener Arbeitsgruppe haben wir aber beschlossen, drei Prinzipien bei der Überarbeitung des Leitfadens zu beachten: Das erste ist eine faire Sprache – das heißt, niemand wird diskriminiert. Das zweite ist aber, dass Männer und Frauen in irgendeiner Form sichtbar bleiben müssen. Also es kann nicht sein, dass alles einfach neutral formuliert wird. Und das dritte ist eine leicht verständliche Sprache, die für die vielfältigen Bevölkerungsgruppen, auch die, die nicht aus der akademischen Diskussion kommen, verständlich ist.

Muss sich also Ihrer Meinung nach die Gesellschaft verändern, um es zu ermöglichen, dass man mit der Sprache mehr als zwei Geschlechter ansprechen kann?

Bauer: Ich glaube, das eine bedingt das andere. Durch diesen interessiert-engagierten Teil der Bevölkerung, der vorprescht, verändert sich natürlich auch unsere Sprache. Und dadurch verändert sich auch die Gesellschaft. Das macht es für Leute, die sich bis jetzt verstecken mussten, leichter, sich zu ihrer Identität zu bekennen. Wenn man sagt, man ist für Menschenrechte und Gleichstellung, muss man das auch unterstützen, und dann wird man Mittel finden müssen, diese Personen auch korrekt anzusprechen. Je mehr ich das mache, desto mehr wird das auch akzeptiert werden. Das ist immer dieser Kreislauf: Wenn ich etwas nicht sichtbar mache und ich nicht darüber rede, wird es auch nicht passieren. Je mehr ich darüber rede, desto mehr wird es Normalität und desto eher wird das auch anerkannt werden.

Gibt es auch andere Herausforderungen, die Sie gerade beschäftigen?

Bauer: Naja, womit wir jetzt zu kämpfen haben, ist dieser neue Anti-Feminismus. Ein gewisser Backlash in der Gleichstellung, der auch eine Auswirkung des Rechtsrucks in Europa ist. Es ist auf einmal wieder gut, politisch unkorrekt zu sprechen und abwertend über andere  mit dem Vorwand „Man wird das wohl noch sagen dürfen“ zu sprechen. Wenn Präsidenten wie Trump und Orban, oder auch manche Politiker bei uns, an der Spitze sind und die politisch korrekte, faire Sprache wegfällt, öffnet das schon die Schleusen für alte Muster.

Podcast mit Ursula Bauer
Moderation: Aleksandra Stefanovic

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