Genderneutralität in Wiener Kindergärten?

(English verison below)

Von Katharina Amann, Katharina Nowak, Patricia Piroskova, Bogdana Kobzan und Natalia Jevdjenicova

Der vorliegende Report präsentiert Ergebnisse und Erkenntnisse einer Forschung zum Thema Gender Mainstreaming im Kindergarten. Die Forschung liefert Antworten auf die Forschungsfrage: Inwiefern beeinflusst die Stadt Wien die Entstehung von Geschlechterstereotypen in Kindergärten durch deren Organisation und Verwaltung?

Zur Beantwortung der Fragestellung wurden drei verschiedene Forschungsmethoden angewendet: Dokumentenanalyse, Interview sowie Beobachtung. Dabei wurde ein Experteninterview mit Eva Reznicek, Fachbereichsleiterin der internen Organisation und Strategie für die Stadt Wien Kindergärten, geführt. Darauf folgte ein weiteres Interview mit Kindergartenleiterin Ilse Appel sowie eine Beobachtung in einem städtischen Kindergarten im 15. Bezirk. Dadruch theoretisch bestehende Ansätze und Methoden in der Praxis untersucht und verglichen werden.

Die Stadt Wien versucht mit unterschiedlichen Methoden Geschlechterstereotype im Kindergarten abzubauen. Dabei haben sich unterschiedliche Bereiche herauskristallisiert, in welchen Maßnahmen zur Förderung von Gender Mainstreaming gesetzt werden.

Einer der Bereiche ist die Raumgestaltung im Kindergarten sowie die Spielmaterialien, welche in den städtischen Kindergärten von der Stadt Wien zur Verfügung gestellt werden.

Eva Reznicek sowie auch Ilse Appel erwähnten im Interview, dass es mittlerweile nicht mehr in jeder Kindergartengruppe typische Ecken für Mädchen und Jungen gibt. Dies konnte auch bei der Beobachtung im Kindergarten festgestellt werden.

Frau Reznicek betonte auch, dass sich nicht mehr alles in einem Raum, sondern im ganzen Gebäude, auch am Gang oder in sogenannten Multifunktionsräumen abspielt. Auch dies konnte durch die Beobachtung im Kindergarten nur bestätigt werden. Die Kinder spielten am Gang und durften sich frei in den Räumen bewegen. Weiters war zu beobachten, dass alle Räume in geschlechtsneutralen Farben gestrichen waren.

Ein weiterer Punkt, welcher die Ausstattung der Kindergärten betrifft, ist, dass auch die Toiletten geschlechtsneutral sind – das bedeutet, Buben- und Mädchentoiletten sind nicht getrennt.

Das große Angebot an Spielmöglichkeiten soll die Individualität der Kinder unterstützen und fördern. Steht ein neues Spiel im Kindergarten zur Verfügung, werden sich die PädagogInnen darum kümmern, dass alle Kinder abwechselnd damit spielen, egal ob Mädchen oder Junge. Es wird den Kindern angeboten unterschiedliche Spielmöglichkeiten auszuprobieren. Im besichtigten Kindergarten im 15. Bezirk arbeitet zum Beispiel ein Pädagoge gerne mit den Kindern in der Holzwerkstatt und holt dabei auch die Mädchen dazu. Umgekehrt kochen auch die Jungs mit ihm gemeinsam.

Ziel der Stadt Wien ist, möglichst wenig vorzugeben, damit Kinder selbst entscheiden können womit sie spielen. Je weniger fix vorgegeben wird, desto kreativer werden die Kinder und umso mehr lernen sie, erklärt Eva Reznicek. Der besuchte Kindergarten in 15. Bezirk ließ sich dabei auch von der Education-Box inspirieren. Dies ist eine Tool-Box, die von der Stadt Wien zur Verfügung gestellt wurde und dient als Leitlinie, wie man mit geschlechtersensiblen Themen umgehen soll. Der Kindergarten verfügt über viele geschlechtsneutrale Spielmaterialien. Beispiele sind das „BEE-BOT“ und „die Maus“. Beides sind Programmierspiele, welche entwickelt wurden, um Geschlechterunterschiede im Bereich der Technik zu reduzieren. Kindergartenleiterin Ilse Appel betonte, programmieren zu lernen solle für jede und jeden möglich sein, unabhängig vom Geschlecht. Ein weiteres Beispiel für geschlechterneutrale Materialien sind gendersensible Bücher, wie zum Beispiel „Als die Mama jung war“. In diesem Buch wird die Hauptprotagonistin – die Mutter – in einer ganz anderen Rolle dargestellt, als wir sie in unserer Gesellschaft gewohnt sind. Die Kinder reagieren oftmals ganz erstaunt, wenn ihnen das Buch vorgelesen wird und sind schockiert, dass sich eine „Mama“ auch auf diese Art verhalten kann. Das Buch soll den Stereotyp, dass eine Mutter immer perfekt sein muss in Frage stellen. Mit diesen Spielen und Methoden können Kinder in jungem Alter Stereotype überwinden.

Ein weiterer Bereich welcher die Entstehung von Genderstereotypen beeinflusst, ist der Einfluss männlicher Pädagogen auf Kindergartenkinder. Eva Reznicek und Ilse Appel sind sich einig, dass es sehr wichtig ist, Männer in diesem Beruf zu fördern. Derzeit sind nur 4% der von der Stadt Wien beschäftigten PädagogInnen männlich. Allerdings erklärte Frau Reznicek, dass im Vergleich zur Geschlechterverteilung in der BAfEP für die 14 bis 19-Jährigen (Bundesanstalt für Elementarpädagogik) im Kolleg, wo Erwachsene (die bereits Matura haben und meist BerufsumsteigerInnen sind) zu ElementarpädagogInnen ausgebildet werden, mehr Männer sind (18%). Grund dafür ist, dass sich viele Männer erst mit höherem Alter dazu entscheiden in diesen Beruf einzusteigen, während Jungen im Alter von 14 Jahren stärker vom Klischee des Frauenberufs beeinflusst sind. Für die Kinder ist es wichtig, dass beide Geschlechter im Kindergarten präsent sind. Gerade wenn Kinder von Zuhause die Vorstellung von Männern und Frauen in den typischen Klischee Rollen mitbringen, sollen sie im Kindergarten Pädagogen in Rollen wahrnehmen, in denen sie Männer eventuell sonst eher seltener sehen, berichtete Frau Reznicek im Interview. Kindergartenleiterin Ilse Appel bestätigt, dass viele Stereotypen von Zuhause mitgebracht werden. „Wenn der Papa sagt, bügeln ist nichts für Männer, wird der Junge es in Zukunft auch nicht tun! Im Kindergarten kann das Kind unbekümmert und selbstentscheidend ausprobieren“, so Ilse Appel.

Die Idee der Stadt Wien ist es, die Leitdifferenz Geschlecht aufzulösen. Eva Reznicek ist der Ansicht, dass sich die Kinder so verhalten sollten wie sie wollen, egal ob männlich oder weiblich. Ilse Appel schließt sich dem an, denn „Entscheidungsfreiheit und Selbstkompetenz“ sind Ihrer Meinung nach wesentlich. Es sei wichtig, dass die jüngsten ihre eigene Identität selber finden. Fachbereichsleiterin Eva Reznicek, sowie die Leiterin des Kindergartens Ilse Appel sind sich in diesem Thema einig, sie sprechen beide von der Wichtigkeit eines offenen und toleranten Umgangs.

Eine weiterer notwendiger Aspekt, um gegen Geschlechterstereotypen anzukämpfen ist die Weiterbildung.

Die Stadt Wien bietet den Kindergarten PädagogInnen die Möglichkeit der ständigen Weiterbildung. Zur Auswahl stehen unter anderem Schulungen im Bereich Diversität, Management und pädagogisches Fachwissen sowie diverse Kurse zur richtigen Gesprächsführung. In welchem Gebiet PädagogInnen Weiterbildungen besuchen ist ihnen überlassen. Die Fortbildungen finden in externen Räumlichkeiten in Form von Workshops oder direkt am Standort des Kindergartens statt. Die zweit genannte Art von Schulung passt sich an Standort und Angebot des jeweiligen Kindergartens an und versucht, die Teams der Standorte weiter zu entwickeln.

Bei den Weiterbildungen gibt es immer wieder verschiedene Schwerpunktthemen. Erst vor kurzem stand das Thema „Gendersensible Pädagogik“ im Mittelpunkt. Kindergartenleiterin Ilse Appel erzählt dazu, dass zwei Jahre an diesem Thema gearbeitet wurde. In diesem Rahmen war auch eine Lehrerin im Kindergarten, welche sich mit dem Thema genau beschäftigte. Gendersensible Pädagogik wurde in diesem Kindergarten umgesetzt und auch nach den zwei Jahren beibehalten. Ilse Appel informiert, dass sich das Team im Bereich Gender Mainstreaming vor allem intern durch intensive und regelmäßige Reflexion weiterbildet. Die Stadt Wien wünscht und forciert zudem den ständigen Austausch zwischen den verschiedenen Standorten. Leitungen unterschiedlicher Kindergärten werden dazu angehalten, sich zu verknüpfen und gegebenenfalls neue Ideen zu übernehmen. Eva Reznicek sieht ein grundlegendes Problem in der Kapazität der angebotenen Weiterbildungsmöglichkeiten: die Stadt Wien – Kindergärten müsste die Schulungsangebote ständig erweitern, um der großen Anzahl von PädagogInnen und AssistentInnen gerecht zu werden.

In den genannten und beschriebenen Bereichen: Raumgestaltung, Spielverhalten, Förderung der Anzahl männlicher Pädagogen und Weiterbildung waren gesetzte Maßnahmen der Stadt Wien gegen Genderstereotyping wie erläutert bereits zu erkennen. Welche weiteren Bereiche sich in den kommenden Jahren durch Gender Mainstreaming verändern werden, ist eine spannende Frage für zukünftige Forschungsprojekte.


Abstract

This report presents results concerning the following research question: To what extent does the City of Vienna influence the development of gender stereotypes in kindergartens through its organisation and administration? To answer the question, three different research methods were applied: Document analysis, expert interviews with Eva Reznicek (head of the department of internal organisation and strategy for the City of Vienna kindergartens) and Ilse Appel (head of a kindergarten) as well as an observation in a kindergarten in the 15th district. This allowed a comparison of theory and practice.

The City of Vienna uses various methods to overcome gender stereotypes in kindergartens and promote gender mainstreaming. One area is the interior design of the kindergarten and the playing materials.

By now, typical corners where girls and boys are seperated in the kindergarten have been removed. The rooms are painted in gender-neutral colours and are multifunctional. Certain activities are no longer limited to one room and thus the children can move around freely in all areas. There are many gender-neutral resources, such as the programming games “BEE-BOT” and „the mouse“ which are available for both genders. There are also gender-sensitive books, such as „When mummy was young“.

The wide range of playing facilities intends to support and promote the individuality of the children. The City of Vienna aims to dictate as little as possible to promote the creativity of children. The idea is to deconstruct dominant gender distinctions. Children should be allowed to develop their own identity.

Eva Reznicek and Ilse Appel agree on the importance of the influence of male pedagogues. Both sides consider it essential to promote men in this profession. Often, children know stereotypical ideas about men and women from parents. Therefore, men are important in this profession, as children can experience them in different roles than they have seen men before. Ilse Appel confirms: „If, for example, daddy says ironing is not for men, the boy will not iron in the future either! In kindergarten, the child can try out anything without worrying about it and then decide for itself“. Mrs. Reznicek believes that children should be free to act the way they want to, whether male or female. Mrs. Appel, shares this view. In her opinion, „freedom of decision and personal competency“ are essential aspects in day-to-day practice.

A further measure is further education for kindergarten teachers. The City of Vienna provides the opportunity for ongoing professional development. They can choose from training courses in different areas. These training courses take place through workshops or directly at the kindergarten’s location. Topics such as gender and diversity have also been covered in the past. Ilse Appel informs that when it comes to the field of gender mainstreaming her team is coninuing its training especially internally through regular reflection. From the city of vienna there is, however, no specific instruction how the educational offer should be designed. The approach is adapted to the individual situation. Methodological freedom seems to prevail.

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