Ilse Appel: Leiterin eines genderneutralen Kindergartens im Gespräch

Von Patricia Piroskova, Natalia Jevdjenicova und Bogdana Kobzan

Ein Interview mit Frau Ilse Appel, Leiterin des Kindergartens in der Dadlergasse.

„Verständnis, Offenheit, Menschlichkeit, Wissen und Toleranz“ sind Werte, mit denen sich laut der Leiterin Ilse Appel der Wiener Städtische Kindergarten in der Dadlergasse am meisten identifiziert.

Obwohl sich der Kindergarten sehr viel mit Gleichberechtigung und Gleichbehandlung beschäftigt, sehen sie sich nicht nur als einen Gender-Kindergarten.  Für die Leiterin hat der Begriff „Gender – Mainstreaming“ nicht nur mit dem Geschlecht zu tun, sondern betrifft eher das menschliche Miteinander – das macht für die engagierte Leiterin gendersensible Pädagogik aus. „Wir bemühen uns nicht zu werten und nicht zu bewerten “.
Der Kindergarten hat sich zum Teil auch von der Education-Box inspirieren lassen, welche von der Stadt Wien zur Verfügung gestellt wird. Auf die Frage, wie die Anfänge von den Gender-Maßnahmen im Kindergarten begonnen haben, antwortete Frau Appel: „Zuerst habe ich überlegt ob die MitarbeiterInnen offen für dieses Thema sind. Dann habe ich im Internet gesucht, wie es in einem geschlechtssensiblen Kindergarten aussieht. Aber ich habe kaum Berichte gefunden. Ich habe mir dann gedacht, gut wir probieren es. Ich habe viel über Gender gelesen, selbst erarbeitet. Ich finde es absolut wichtig speziell für Kinder und bin so eigentlich voll in der Genderthematik für Kindergarten hängen geblieben.“.

Des Weiteren spielt das Team eine wichtige Rolle. Eine Veränderung kann nur stattfinden, wenn jeder bereit ist sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Vorerst ein Vortrag zum Thema gendersensible Pädagogik für das gesamte Team, anschließend für interessierte Eltern.  „Anfänglich reflektierten wir uns selbst.  Durch viele Gespräche, Selbsterfahrungen, Motivation, verschiedene  Sichtweisen, ständiges Reflektieren und Veränderung der Raumkonzepte  haben wir einen guten Zugang zur gendersensiblen Pädagogik in unserem Kindergarten erarbeitet.  In kleinen Schritten, mit ständiger Wissenserweiterung um das Thema mit  vielen Überlegungen, Offenheit  und viel Engagement sowie im Rahmen des „Bildungsgrätzls- Schönbrunn“ gelingt es  uns im Alltag gendersensibel zu leben.“

Derzeit arbeiten 18 Mitarbeiterinnen und 4 Mitarbeiter im Kindergarten. Durch die Präsenz der männlichen Mitarbeiter, erhalten die Kinder einen Einblick in eine andere Geschlechterrolle als sie es vielleicht von Zuhause gewohnt sind.
Besonders stolz sind sie auf ihr Projekt „Papa macht mit“. Dabei verbringen die Väter spannende Tage mit ihren Kindern. Das vermittelt das Bild, dass sich nicht nur die Frauen am Kindergartengeschehen beteiligen.

Laut der erfahrenen Leiterin, bringen die Kinder die stereotypen Vorstellungen von Zuhause mit. Denn die Eltern sind ein Vorbild und bilden dadurch die erste Anlaufstelle. „Zum Beispiel, wenn der Papa sagt, bügeln ist nichts für Männer, wird der Junge es in Zukunft auch nicht tun! Im Kindergarten kann das Kind unbekümmert und selbstentscheidend ausprobieren…“ Frau Appel meinte auch, es wäre wichtig den Kindern die verschiedenen Spielmöglichkeiten und Aktivitäten zu zeigen. „Die Grundsteine werden in den ersten Jahren gelegt.“, sagte sie.
Appel erzählte auch, dass sie selbst in ihrer Gruppe zwei Buben hatte, die gerne Kleider getragen haben. „Wenn die Buben mit den Kleidern herumlaufen. Ist es ok. Wo sollen sie es sonst ausprobieren?“. Es sei wichtig, dass die jüngsten ihre eigene Identität selber finden. Die Leiterin betont, wie froh die Mutter der Kinder war, denn in einem anderen Kindergarten wäre das auf diese Weise vielleicht gar nicht möglich. “Deswegen ist die Zusammenarbeit mit den Eltern ganz wichtig. Wichtig ist eine offene und wertschätzende Kommunikation .“, sagt Frau Appel stolz.
Gut zu beobachten waren die gendersensiblen Materialen, wie zum Beispiel das technische Spielzeug, Programmieren z.B.: „BEE-BOT“, „die Maus“ , die flexiblen Rollcontainer mit verschiedensten Spielmaterialien und verschiedenen Bücher. Ein Buch welches Frau Appel uns beim Besuch gezeigt hat, heißt: „Als die Mama jung war“. Es handelt über ein untypisches Bild einer Mutter. Diese Mutterrolle im Buch, kann auch mal Unsinn ergeben. Die Kinder waren laut Appel erstaunt, dass auch eine Mama schlimm sein kann…. Die Botschaft dahinter zeigt, dass eine Mutter bzw. Frau anders reagieren kann als es das stereotype Frauenbild von ihr verlangt.

Außerdem hat der Kindergarten eine MINT- Zertifizierung. Sie fördern die Kinder besonders in Naturwissenschaften, Technik und Mathematik. Wie oben bereits erwähnt, arbeiten sie hier besonders mit technischen Spielmitteln, Konstruktionsmaterialien, Experimentiermaterialien, mathematischem Frühfördermaterial, hauswirtschaftliche Tätigkeiten und das Erproben des Programmierens mit  BEE BOT und der Maus.  Der Grundgedanke dahinter ist, dass programmieren für jedes Geschlecht sein soll.  Die Leiterin des Kindergartens betont, dass auch Mädchen äußerst interessiert reagieren. „Wir achten darauf, dass alle Kinder ausprobieren und damit arbeiten können. Aber es ist nicht die Tendenz, dass Buben mehr mitmachen als die Mädchen. Alle Kinder sind sehr interessiert und offen für Neues.“
Aufgrund dieser gendersensiblen Materialen werden die Barrieren zwischen den Mädchen-Jungs Spielen aufgehoben. Dank dieser Methoden können die Genderstereotype gebrochen werden.

Auf die Frage, ob sie in das Spielverhalten der Kinder eingreifen, meinte Frau Appel, dass sie den Kindern möglichst viele Freiheiten geben sich zu entwickeln und ihre eigenen Vorlieben finden. Sie meinte: „Entscheidungsfreiheit und Selbstkompetenz ist uns sehr wichtig“ Wir bemühen uns den Kindern unterschiedliche Aktivitäten anzubieten. „Es gibt einen männlichen Pädagogen bei uns, der auch Tischler ist, sein Schwerpunkt ist unter anderem „die Holzwerkstatt“ mit den Kindern. Er holt auch die Mädchen aus den Gruppen, und dass ist toll, denn welches Mädchen hat diese Möglichkeit schon zu Hause. Umgekehrt kocht er auch sehr gerne mit ihnen. Zum Beispiel, kochen auch die Jungs wahnsinnig gerne mit ihm. Das heißt die Anlagen sind da, man muss den Kindern nur die Möglichkeit geben es auszuprobieren“, erwähnte die Leiterin.

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