Wo Blumen blühen, gibt es Hoffnung.

Bild: © Marie Rathmann

Von Marie Rathmann  

Frauen und Männer sind im Wiener Stadtraum nicht gleich repräsentiert: 4002 männlichen Namen stehen im Wiener Straßennetz nur 492 weibliche Namen gegenüber. Es gibt jedoch einen Lichtblick. Allein in der Seestadt-Aspern gibt es seit 2019 schon 54 Straßen, Plätze und Parks, die nach Frauen benannt sind.1  

Aber nur, weil es Vorzeigeprojekte für Gender Equality gibt, heißt das nicht, dass diese auch gesehen werden. Oft fehlt das Bewusstsein für Alltäglichkeiten und der Blick löst sich nur dann vom Smartphone, wenn in Großbuchstaben das Wort Sale im Schaufenster steht. Die kleinen dunkelblauen Schilder an jeder Straßenecke scheinen nicht viel mehr, als eine Navigationshilfe zu sein.  

„Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allersten Mal wirklich sieht.“ 

Christian Morgenstern 

© Marie Rathmann

Ein Herbarium der Stadt. 

Der öffentliche Raum ist wie ein Archiv. Die Straßennamen sind das kollektive Gedächtnis und die Identität einer Stadt. Stetig verschiebt sich die Perspektive auf die Vergangenheit durch Generationswechsel, zeitliche Distanz und gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Die Geschichtsbilder in Form von Straßennahmen, Denkmälern und Statuen verblassen jedoch nicht.2  

Es ist wichtig, dass es Orte wie die Seestadt-Aspern gibt, denn die Identität der Stadt Wien ist nicht ausschließlich männlich. Unter den Namenspatroninnen sind die österreichische Schriftstellerin Ilse Eichner, die Architektin Zaha Hadid, die das Library & Learning Center der WU entworfen hat und Jane Jacobs, die „Grand Dame“ der nordamerikanischen Städteplanung. Eine vollständige Liste und die dazugehörigen Biographien von den Namenspatroninnen in der Seestadt-Aspern könnt Ihr/können Sie hier finden. 

© Marie Rathmann

Einige Blumen blühen, werden aber nicht gesehen.  

Die Straßen und ihre Bürgersteige sind die wichtigsten öffentlichen Orte einer Stadt, sind ihre lebenskräftigsten Organe. Was kommt einem, wenn man an eine Großstadt denkt, als erstes in den Sinn? Ihre Straßen. Wenn die Straßen einer Großstadt uninteressant sind, ist die ganze Stadt uninteressant; wenn sie langweilig sind, ist die ganze Stadt langweilig.“ 3 

Jane Jacobs 

Die Journalistin und Aktivistin Jane Jacobs (1916-2006) war eine in den USA geborene kanadische Kritikerin des urbanen Städtebaus. In dem Werk Tod und Leben großer amerikanischer Städte (Originaltitel: The Death an Life of Great American Cities) gelingt es Jacobs für jedermann und –frau nachvollziehbar darzulegen, welche Funktionsweisen in einer Stadt zum Scheitern verurteilt sind und welche den Samen für eine positive Entwicklung säen. Einen Teilaspekt bildet dabei die Entwicklung von Nachbarschaften und lebendigen Straßenräumen.  

Ab dem Jahr 2007 wurden, ausgehend von Toronto, in Erinnerung an Jane Jacobs international sogenannte „Jane Jacob Walks“ organisiert. Das sind kostenlose Nachbarschaftsspaziergänge, bei denen Menschen zusammenkommen um sich auszutauschen und die lokalen Quartiere zu erkunden. 

Also was bietet sich bei einem geplanten Jane-Jacobs-Weg besser an, als mit einem Jane Jacobs Walk durch die Seestadt-Aspern an die Namenspatroninnen zu gedenken und den Blick auf die starken Frauen hinter den Straßennamen zu legen.  

Hier entsteht der Jane-Jacobs-Weg in der Seestadt-Aspern.

© Marie Rathmann

Jane-Jacobs-Walks lassen Quartiere aufblühen. 

Regelmäßige Nachbarschaftsspaziergänge und Stadterkundungen haben jedoch noch einen weiteren positiven Effekt auf die Quartiere. Belebte Straßen gewährleisten indirekt „soziale Kontrolle“ und sind eine Maßnahme gegen Angsträume.  

„Die Sicherheit auf der Straße ist genau dort am besten und am selbstverständlichsten, hat genau dort den geringsten Anklang an Feindseligkeit oder Verdächtigung, wo die Menschen die Straße freiwillig benutzen und genießen und sich normalerweise kaum bewußt sind, daß sie sie dabei auch beaufsichtigen.“ 

Jane Jacobs

Jane Jacobs 

Auch in dem Gender Mainstreaming Handbuch für Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadt Wien (2013), wird die Sicherheit im öffentlichen Raum mit einem gesunden Maß an sozialer Kontrolle in Verbindung gebracht. Neben dem Prinzip „sehen und gesehen werden“, werden Orientierungsmöglichkeiten, Einsehbarkeit und die Beleuchtung der Straßen als weitere Faktoren für die subjektive Sicherheit genannt.4  

Wenn die Straßen intensiv für Kommunikation und sozialen Austausch genutzt werden, kann das Gefühl von „Urbanität“ erzeugt werden. Die Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner können durch diese Begegnungen die Dichte der Stadt erleben: ebendas was das Leben in der Stadt von dem Leben auf dem Land unterscheidet. 

© Marie Rathmann

„Wenn öffentliche Räume zu „Angsträumen“ werden, dann verlieren sie ihre ursprüngliche Funktion als Orte der Begegnung, der Kommunikation, der Interaktion heterogener Bevölkerungsgruppen. In Zukunft müssen Strategien entwickelt werden, die Sicherheit im öffentlichen Raum ohne sozialen Ausschluss herstellen können.“5 

Es gilt noch viele Blumensamen zu sähen. 

Bei einem ausgiebigen Spaziergang durch die Straßen der Seestadt-Aspern habe ich mir ein Bild von dem Quartier und den Straßen gemacht. Denn eine Literaturrecherche kann den hautnahen Kontakt nicht ersetzen. Wie bei einem Jane-Jacobs-Walk, hatte dabei die Entdeckung oberste Priorität. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Straßenschilder sich kaum von dem Asphalt abheben und sich direkt in die Betonwüste integrieren.  

Um einen Kontrast zu dem grauen Beton zu schaffen und den starken Frauen einen Raum zu geben, habe ich bei einem zweiten Spaziergang Blumen mitgenommen. Ich war erstaunt, wie viele Passantinnen und Passanten währenddessen an mir vorbeigelaufen sind und dabei gelächelt haben. So sind die Bilder, die ich in meinem Blog verwendet habe entstanden.  

Straßennamen sind allgegenwärtig, aber nicht alltäglich. Die Ungerechtigkeit ist erkannt und Wir können sie beenden.  

Das Wir steht dabei jedoch nicht nur für Studentinnen und Studenten in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, oder für Menschen die in der Medienbranche arbeiten. Das Wir steht für jeden und jede, der/die in einem genderfreundlichen Quartier leben möchte. Denn starke Blumen können selbst durch eine dicke Schicht aus Asphalt brechen. In der Stadt Wien kann jede Bürgerin und jeder Bürger bei dem zuständigen Bezirksvorstand Straßennamen für Neubauprojekte vorschlagen. 

Die Stadt Wien bemüht sich, Gender Equality in der Stadtplanung zu berücksichtigen. Jedoch sind die policy objectives nicht die einzigen Akteure. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt gestalten ihre Quartiere aktiv mit. Umso mehr gilt es, den öffentlichen Raum zu beleben und durch intakte Nachbarschaften ein Quartier zu schaffen, das den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohnern gerecht wird.  

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