Mädchen erobern öffentlichen Räume

Bild: © cocoparisienne via pixabay

 Von Selma Hedzic

Geschlechter(un)gerechtigkeit ist ein Thema, das vor allem in den letzten Jahren thematisch immer häufiger in den Medien behandelt wurde: der lautere Ruf nach gerechter Bezahlung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf, „Body Positivity“-Bewegungen, Sexismus in Politik und der Entertainment Industrie, und nicht zuletzt die vielfach diskutierte „MeToo“-Bewegung. All diese Themen waren in den Medien präsent, doch wie sieht es mit der Medienbranche selbst aus? Und warum ist es wichtig Medien in diesem Kontext zu betrachten? Medien umgeben uns alltäglich und egal wohin wir gehen. Sie füttern uns mit Informationen und Bildern der Welt und haben die Macht unsere Ansichten zu beeinflussen. Das bedeutet auch, dass sie Geschlechterstereotypen generieren und verbreiten. Damit formen sie unser Verständnis und unsere Sichtweise auf die Bedeutung von Geschlecht, Geschlechteridentitäten und Geschlechterverhältnissen. Die weitverbreitete Annahme, Männer und Frauen wären im Westen bereits gleichberechtigt und bei weiteren Maßnahmen die Geschlechtergleichberechtigung zum Ziel haben, handle es sich um gekünstelte Aufregung, stehen im Kontrast zur Realität. Denn egal welcher Bereich der Medienlandschaft in Europa, die Lage ist eindeutig: Frauen werden benachteiligt. Frauen sind unterrepräsentiert, sowohl in Medieninhalten (GMMP 2015), als auch als Medienschaffende und Entscheidungsträger (EIGE 2019).

Diese Dynamik erstreckt sich auf digitale, genauso wie auf traditionelle Medien (GMMP 2015), auf faktenbasierte und fiktionale Medienangebote. Hinzu kommen allgemeine, berufsbezogene Probleme, die in erster Linie Frauen betreffen: die gender pay gap, sexuelle Übergriffe und die Schwierigkeit, Beruf und Familie vereinen zu können.

Um solche Probleme und Hindernisse zu bewältigen braucht es Strategien, die diese Strukturen und die Mechanismen (sprich Normen, Ideologien und Werte) hinter diesen Problemen, sichtbar machen. Im Zuge dieser Strategien sollen neue Grundsätze und Konzepte entwickelt oder bestehende so verändert werden, dass der Aspekt der Gleichberechtigung stets miteinbezogen wird. Dies soll in alle Ebenen einer Organisation, einer Institution und einer Gesellschaft, einfließen.

Was bei dieser Gendermainstreaming Arbeit besonders wichtig ist, lässt sich am Beispiel der Stadt Wien lernen. Diese hat uns gezeigt, dass vor allem vernetztem Arbeiten dabei eine wichtige Rolle zu kommt. Übersetzt bedeutet dies, dass die Implementierung und Umsetzung von Gender Mainstreaming Maßnahmen immer eine bereichs- und abteilungsübergreifende Kooperation erfordert. Gute Arbeit im Bereich Genderstreaming, wie die Stadt Wien sie als ‚best practice’ -Modell zeigt, hat als Voraussetzung auch, eng mit den Menschen zusammenzuarbeiten, die von den Maßnahmen direkt betroffen sind und ihre Bedürfnisse, sowie Lebenssituationen miteinzubeziehen. Ausschlaggebend ist auch eine fundierte Grundlage für die Arbeit. Das bedeutet: geschlechterbezogene Datenerhebung und –analyse, sowie Forschung oder fachspezifisches Wissen als Basis.

Konkrete Einblicke in diese Arbeit habe ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen Lilli Kissler und Sonja Wind bekommen. Wir durften Frau Röggla (pädagogische Leitung des Vereins JUVIVO) und Frau Kraft (Referentin der Stadt Wien, MA13 – Bildung und Jugend) zum Thema Wiener Parkbetreuung interviewen. Die Wiener Parkbetreuung ist ein kostenloses Freizeitangebot für Kinder von 6 bis 13 Jahren mit ergänzenden Angeboten für Jugendliche. Es handelt sich um ein europaweit einzigartiges Konzept:

» Im Zuge der gestalterischen Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum unterstützt die Wiener Parkbetreuung die Teilhabe von Kindern, indem sie demokratische Aushandlungsprozesse initiiert und begleitet, wobei ein besonderer Fokus auf die Bedürfnisse von Mädchen gelegt wird. «

(Wiener Parkbetreuung Konzept)

In den Parks ließ sich vor Implementierung dieses Angebots feststellen, dass Mädchen im Vergleich zu Burschen weniger im öffentlichen Raum vertreten waren. Der Gendermainstreaming Aspekt soll deshalb in diesem Kontext dafür sorgen, dass Mädchen stärker im öffentlichen Raum vertreten sind und darin gestärkt werden, ihre Stimme zu nutzen.

Als Ausgangspunkt für die Umsetzung dienen die Bedürfnisse und Lebensrealitäten der Mädchen. Maßnahmen, um diese Ziele umzusetzen sind beispielsweise eine geschlechtergerechte Gestaltung von Parks: in der Vergangenheit waren Parks vor allem so gestaltet, dass sich im Zentrum ein großer Fußball- oder Basketballplatz befand, der eingezäunt war. Dies machte es für Mädchen schwierig sich einzubringen, da in diesen ‚Käfigen’ oftmals die Burschen dominierten. Heute sind so gut wie alle Parks so gestaltet, dass es mehrere kleinere Plätze gibt, die auch über mehrere Ein- bzw. Ausgänge verfügen. Außerdem werden von den geschulten Betreuern und Mitarbeitern vor Ort verschiedene Spiel- und Sportangebote gemacht, die den Bedürfnissen von Mädchen entsprechen und die es in dieser Form vorher nicht gab, beispielsweise slack lines, Volleyball spielen oder tanzen. Als einer der Erfolge der Wiener Parkbetreuung, ließ sich feststellen, dass tatsächlich mehr Mädchen Parks nutzten, sich am Angebot beteiligten und sich vermehrt in das Geschehen einbrachten.

Die Überlegung hinter der Wahl unserer Forschungsmethode fiel uns aufgrund unseres Forschungsbereichs ‚community spaces’ und unserer Forschungsfrage, einfach: wir wollten herausfinden wie genau die Stadt Wien ihre Initiativen und Maßnahmen für geschlechtergerechte öffentliche Räume umsetzt und wie erfolgreich sie dabei sind. Deswegen wussten wir schon zu Beginn, dass wir mit Experten und/oder Expertinnen in dem Bereich, ein intensives Gespräch führen wollen würden und müssten. Das Leitfadeninterview lag dabei nahe, da wir schon vorab präzise Fragen ausformulieren mussten, die uns eine Antwort auf unsere Forschungsfragen geben würden und die uns Einblicke in die Konzeption, Umsetzung, Qualitätssicherung und Erfolgsmessung der Maßnahmen geben würden.

Der Forschungsprozess hat mir die Augen für verschiedene Lebensrealitäten von Frauen und Mädchen geöffnet und mir gezeigt, dass nicht nur Männer und Frauen ihren Lebensalltag unterschiedlich erleben, sondern, dass es auch schon Unterschiede zwischen Erlebnissen verschiedener Frauen gibt, abhängig von Alter, abhängig davon, ob man beispielsweise Mutter ist oder nicht, und abhängig davon, wo man lebt. Ich wurde darin bestärkt, mit einem aufmerksameren Blick durch Wien zu gehen. Für meine Zukunft in der Medienbranche nehme ich mit, dass von vernetztem Arbeiten und Kooperationen alle Beteiligten profitieren können und dass es wichtig ist, für andere Frauen und Mädchen einzustehen. Wenn man sich mit aktuellen Medien beschäftigt, kann der Anschein erweckt werden, dass der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit ein nie endender Kampf ist. Doch wenn man zurückblickt, fällt einem auch auf, wie viel bereits von vielen verschiedenen Frauen auf dieser Welt erreicht wurde, und das öfter gemeinsam als alleine.


Quellen

Knapp, K., Popper-Nelvai, K., Greimer M., Röggla, K., Rois, A, Schmidt, R., Walchhütter, S., Wielander, J. Kraft, R., Horeth, M. (2018): Wiener Parkbetreuung: Grundkonzept. Wien: Stadt Wien, MA 13 – Bildung und außerschulische Jugendbetreuung, Fachbereich Jugend.

GMMP (Global Media Monitoring Project). (2015): Who Makes the News? London: World Association for Christian Communication (WACC).

EIGE (Gender Equality Index). (2019): Gender Equality Index 2019. Work-life balance. Vilnius: European Institute for Gender Equality (EIGE).

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