Österreich, die Heimat großer Töchter und Söhne

Von Lisa Hofbauer 

Am 1. Jänner 2012 trat in Österreich ein Meilenstein in der sprachlichen Repräsentation und der geschlechtergerechten Sprache in Kraft: Die Zeile „Heimat großer Töchter und Söhne“ wurde in die Österreichische Bundeshymne1 aufgenommen und ersetzt fortan die Zeile „Heimat bist du großer Söhne“. Doch der Weg zu dieser vom National- und Bundesrat beschlossenen Änderung war steinig: Lange hat es gedauert, viel wurde diskutiert – Gegner*innen der Textänderung sahen diese als „kulturlos“, „unnötig“2 oder der Verlag und die Erb*innen der Dichterin der Hymne sogar als „Eingriff in das Urheberrecht“3. Und obwohl die Textänderung mittlerweile längst beschlossen ist, flammen immer wieder neue Diskussionen rund um die Bundeshymne auf – wie etwa im Jahr 2014, als sich Andreas Gabalier4 beim Grand Prix in Spielberg weigerte, die Töchter in den Text miteinzubeziehen, und stattdessen die ursprüngliche Fassung der Hymne sang. 

Hinter der Debatte um die Bundeshymne steht aber noch viel mehr als die Änderung einer Textzeile – es geht um die sprachliche Repräsentation der Geschlechter und um die Debatte einer gendergerechten Sprache. Diese Themen sind – auch wenn mit der Änderung der Bundeshymne sicherlich ein erster Schritt in diese Richtung gelungen ist – auch heute noch nicht vom Tisch, wie etwa unsere Untersuchung im Rahmen eines Forschungsseminars an der Universität Wien zeigte.  

Gemeinsam mit meinen Kolleg*innen befasste ich mich bei diesem Forschungsprojekt mit dem Thema „Geschlechtergerechte Sprache“ in der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Wien. Dazu trafen wir uns mit Ursula Bauer, der Leiterin des Dezernats für Gender Mainstreaming der Stadt Wien, um mit ihr über Gender Mainstreaming in Wien, geschlechtergerechte Sprache sowie über aktuelle Debatten zum Thema Gendern zu sprechen.  

Ziel des Dezernats Gender Mainstreaming ist es, eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, sowie eine „geschlechtergerechte Gesellschaft mit gleichen gesellschaftlichen Strukturen, Start- und Rahmenbedingungen“ (siehe Stadt Wien online: Gender Mainstreaming in Wien5) für Männer und Frauen zu gewährleisten. Zudem sollen „soziale Unterschiede und strukturelle Ungleichheiten für Frauen und Männer […] hinterfragt, sichtbar gemacht sowie die Ursachen beseitigt werden“ (siehe Stadt Wien online: Definition von Gender Mainstreaming6).  

Noch ein langer Weg bis zur geschlechtergerechten Sprache? 

Ein wesentlicher Gender Mainstreaming-Grundsatz der Stadt Wien ist dabei die geschlechtergerechte Sprache. Um diesen umsetzen zu können, erstellte die Magistratsabteilung einen „Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren“7, mit dem alle Abteilungen des Magistrats vertraut sind. „Wenn die Stadt Wien alle gleichermaßen erreichen möchte, muss sie auch alle gleichermaßen ansprechen. Wenn ausschließlich im generischen Maskulinum kommuniziert wird, bleiben Frauen – auch wenn sie, wie so oft gesagt wird, ‚mitgemeint‘ sind – unsichtbar“, sagt Ursula Bauer. 

Geschlechtergerechte Sprache ist also ein wesentlicher Grundstein, um eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen. Ein Blick auf die Presseaussendungen der Stadt Wien zeigte uns aber, dass es selbst in einer Stadt wie Wien, die sich die Gleichstellung der Geschlechter institutionell zur Aufgabe gemacht hat, noch großen Nachholbedarf in diesem Bereich gibt. Wir haben im Rahmen einer quantitativen Inhaltsanalyse 169 Presseaussendungen untersucht. Bei 121 dieser Pressemitteilungen wäre gendern notwendig gewesen, jedoch lediglich bei 70 davon wurde auch tatsächlich gegendert. In einem Gespräch mit Eva Gassner vom Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien nannte sie uns mögliche Gründe für diese doch relativ niedrige Quote: Die Pressesprecher*innen stünden meistens unter großem Zeitdruck, weswegen keine Zeit bleiben würde, auf eine korrekte geschlechtergerechte Sprache zu achten, so Gassner. Außerdem lese die Pressemitteilungen fast niemand außer den Journalist*innen und diese verwenden dann, wenn sie die die Presseaussendungen für ihr Medium aufbereiten, sowieso das generische Maskulinum.  

Diesen drei von Eva Gassner vorgebrachten Argumenten möchte ich nachfolgend etwas mehr Raum geben, um sie zu diskutieren: 

  1. Es bleibt keine Zeit für geschlechtergerechte Sprache: Natürlich stehen Pressesprecher*innen wie auch Journalist*innen oft unter großem Zeitdruck. Damit geht einher, dass oft nicht lange über Formulierungen nachgedacht werden kann. Dennoch: Für geschlechtergerechte Sprache sollte immer Zeit bleiben. Ziel sollte es meiner Meinung nach sein, dass geschlechtergerechte Formulierungen so in Fleisch und Blut der Gesellschaft übergehen, dass weder deren Verfassen länger benötigt, noch dass sie bei den Rezipient*innen als „unleserlich“ oder „umständlich“ empfunden werden.  
  1. Die Pressemitteilungen werden von niemandem gelesen: Die Presseaussendungen werden wahrscheinlich tatsächlich zum größten Teil ausschließlich von den Medienvertreter*innen bzw. Journalist*innen gelesen und weniger von der Bevölkerung der Stadt Wien. Doch gerade die Pressemitteilungen haben meiner Meinung nach eine große Vorbildwirkung: Da die Mehrheit der österreichischen Medien nach wie vor das generische Maskulinum – meist mit dem Argument der besseren Lesbarkeit – verwendet, zeigen Pressemitteilungen, in denen tatsächlich gegendert wird, dass journalistische Texte durch geschlechtergerechte Sprache nichts an Lesbarkeit einbüßen. 
  1. Die Zeitungen verwenden sowieso meistens das generische Maskulinum: Das ist leider wahr und, wie ich finde, ein großes Manko der österreichischen Medienlandschaft. Entsprechend dem berühmten Zitat Niklas Luhmanns (1995) – „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ – sind Medien die Hauptträgerinnen unseres Wissens. Ihnen kommt somit auch und vor allem in der Gleichstellung der Geschlechter eine enorm große Rolle zu. Dass in vielen österreichischen Medien nach wie vor vorrangig auf das generische Maskulinum zurückgegriffen wird, ist problematisch, wenn man bedenkt, dass über Sprache Bilder und Wissen vermittelt werden. Wird beispielsweise ständig nur von „Experten“ gesprochen, stellen sich die Rezipient*innen automatisch männliche Experten vor – und Frauen bleiben unbeachtet. 

Frauen: Unsichtbar in den Medien? 

Ein wesentlicher Schritt zur Gleichstellung der Geschlechter in den Medien ist, neben der Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache, auch eine gleich starke Repräsentation von Männern und Frauen. Dass es noch ein langer Weg ist, dieses Ziel zu erreichen, zeigt das Global Media Monitoring Project (2015)8. In dessen Bericht für die österreichischen Medien zeigt sich, dass am Stichtag der Untersuchung – dem 25. März 2015 – lediglich 109 der insgesamt 566 Personen, über die berichtet wurde, Frauen waren. Vor allem bei den Themen Politik und Wirtschaft waren 80 Prozent der Akteur*innen in den Medienberichten (sowohl im Internet als auch in traditionellen Medien) Männer. Ähnliche Tendenzen machten sich bei unserer Untersuchung der Presseaussendungen der Stadt Wien bemerkbar: Im von uns untersuchten Zeitraum (1. bis inklusive 14. Oktober 2019) wurden in den 169 analysierten Presseaussendungen 153 Personen zitiert – davon waren 93 Männer und lediglich 60 Frauen. In Prozentzahlen ergibt das die traurige Gegenüberstellung von 61 zu 39 Prozent – also weit vom erwünschten Verhältnis 50 zu 50 entfernt. Namentlich erwähnt wurden insgesamt 451 Personen – davon waren nur rund 37 Prozent Frauen. 

Es zeigt sich also: Sowohl in einem Querschnitt der österreichischen Medien im Jahr 2015 als auch bei den Presseaussendungen der Stadt Wien im Oktober 2019 sind Frauen in der Medienlandschaft nahezu unsichtbar. Und hier schließt sich der Kreis zur geschlechtergerechten Sprache: Wird in den Medien immer nur von „Experten“ gesprochen und werden fast ausschließlich männliche Experten gezeigt, erscheinen uns diese als gesellschaftliche Norm und Frauen müssen im Status der Ausnahme verharren. Um Frauen also endlich aus der Falle der Regelabweichung herauszuholen und zur Norm zu erheben, müssen sich Männer und Frauen zu gleichen Anteilen in den Medien repräsentiert finden – und das bei allen Themen, und nicht nur im Bereich der „soft news“. Wie eine Gleichstellung der Geschlechter in der Berichterstattung erreicht werden kann, vermittelt etwa das „Journalism Kit“ 9 des Global Media Monitoring Projects, das konkrete Vorschläge für einen „Gender-Ethical Journalism“ vorbringt. 

Zum Abschluss also noch ein kurzes Fazit: 

Was häufig genannt wird, wird von uns als Norm empfunden, was selten genannt wird, erscheint als Ausnahme von ebendieser Norm. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, dass die Sprache die gesellschaftliche Realität abbildet – dass sie auf die Vielfalt der Geschlechter, der Herkunft, der Klassen und der Meinungen – kurzum, auf die Vielfalt der Menschen – eingeht. Meiner Meinung nach ist eine (geschlechter-)gerechte Sprache ein wesentlicher Grundstock für eine (geschlechter-)gerechte Gesellschaft. In dieser Hinsicht stimme ich mit Ursula Bauer überein, wenn sie meint: „Ohne faire Sprache kann keine Gleichstellung der Geschlechter erreicht werden.“  


Quellen

Bundeskanzleramt: Bundeshymne. URL: https://www.bundeskanzleramt.gv.at/bundeskanzleramt/geschichte/bundeshymne.html (letzter Zugriff: 5. Februar 2020). 
Cochlar, Daniela, Bauer, Ursula, Kodym, Sandra, & Zauner, Karin (2011): Leitfaden für geschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache, Wien. URL: https://www.wien.gv.at/medien/service/medienarbeit/richtlinien/pdf/leitfaden-formulieren-bf.pdf (letzter Zugriff: 4. Februar 2020). 
Der Standard (7. Dezember 2011): Österreich ist jetzt „Heimat großer Töchter“. URL: https://www.derstandard.at/story/1323222517110/bundeshymne-oesterreich-ist-jetzt-heimat-grosser-toechter (letzter Zugriff: 5. Februar 2020). 
Die Grünen (3. August 2014): Bundeshymne. Wie die Töchter in die Hymne kamen. URL: https://www.gruene.at/themen/frauen-gleichbehandlung/bundeshymne-wie-die-toechter-in-die-hymne-kamen (letzter Zugriff: 5. Februar 2020). 
Die Presse (24. Juni 2014): „Ignoranz der Bundeshymne“: Grüne Frauen rügen Gabalier. URL: https://www.diepresse.com/3826287/ignoranz-der-bundeshymne-grune-frauen-rugen-gabalier?direct=3826559&_vl_backlink=%2Fhome%2Fpolitik%2Findex.do&selChannel=101&_ga=2.182978598.1660770456.1580659431-1947600295.1505690319 (letzter Zugriff: 5. Februar 2020). 
Luhman, Niklas (1995): Die Realität der Massenmedien. In: Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften. Vorträge G 333, Wiesbaden (Springer Fachmedien GmbH). URL: https://doi.org/10.1007/978-3-663-16287-2_1 
Macharia, Sarah & Morinière, Pamela (2012): Learning Resource Kit for Gender-Ethical Journalism and Media House Policy. URL: http://whomakesthenews.org/journalism-kit (letzter Zugriff: 5. Februar 2020). 
Ö1 (8. April 2017): Land der Töchter? URL: https://oe1.orf.at/artikel/281407/Land-der-Toechter (letzter Zugriff: 5. Februar 2020). 
Stadt Wien, Dezernat für Gender Mainstreaming: Gender Mainstreaming in Wien.  
URL: https://www.wien.gv.at/menschen/gendermainstreaming/ (letzter Zugriff: 4. Februar 2020). 
WACC und Universität Salzburg (2015): Austria. Global Media Monitoring Project – National Report. URL: http://cdn.agilitycms.com/who-makes-the-news/Imported/reports_2015/national/Austria.pdf (letzter Zugriff: 5. Februar 2020).  

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