Über die Wichtigkeit des Gender Mainstreamings in der Stadtplanung und warum Negativismus nicht automatisch schlecht ist

Bild: © Linda Jäck

Von Linda Jäck

Jedes große Medium, das etwas auf sich hält, ist schon einmal laut geworden, wenn es um Gender Mainstreaming  und Feminismus geht. Ich nenne hier ganz bewusst diese beiden Begriffe, da sie sich gegenseitig beeinflussen und der Feminismus eine Art Verantwortung für den Gender Mainstreaming mit sich bringt. Und, weil es in beiden Fällen um Gleichstellung und Gerechtigkeit geht.

Egal, ob in angesagter Podcastform, online, im Print, TV oder im Radio – Gender ist in!  Bei so einem heißen Thema wird stigmatisiert, es bilden sich Gruppen, pro und contra und Personen werden in eine Ecke gestellt, wenn sie eine zu radikale Meinung vertreten. Eine Meinung zum Thema zu haben ist aber obligatorisch, denn Schweigen ist noch verpönter als Anti zu sein.

Warum könnte man nun aber selbst die kritische Gender Mainstreaming Sicht als etwas Positives für das Thema sehen? Negativ-Werbung ist nämlich auch Werbung. Frei nach dem Bildzeitungsprinzip – Hauptsache, das Thema wird besprochen. Nicht zuletzt auch, da Negativismus zu einem der zentralen Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge zählt und daher einige positive Aspekte mit sich bringt: Awareness. 

Aber vielleicht braucht es die Übersättigung, die extreme Diskussion und die ständige Präsenz, damit sich in absehbarer Zeit ein Gleichgewicht einpendeln kann. Eine Art Gegengewicht zu der Ungleichheit, die viele Gesellschaften unserer Welt die letzten Jahrhunderte dominierte und die häufig immer noch dominiert. Damit auch der letzte Anti-Moralist weiß: Es wird Zeit für eine Gleichbehandlung. Diese Werbung braucht das Gender Mainstreaming dringend, da die explizite Forderung des Begriffes noch nicht Realität geworden ist. 

Öffentliche Bedürfnisanstalten Wien, Graben u. Schottentor 
© Linda Jäck

Ich möchte mich in diesem Blogpost nicht beschweren über die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, möchte die Frauenwelt nicht Viktimisieren, wie es so oft getan wird, sondern lediglich zum Nachdenken anregen. Ungleichheiten gibt es in diversen Formen; seien es plakative Beispiele wie die Pay Gap oder etwa Themen, mit denen sich fast ausschließlich Expertinnen und Experten auseinandersetzen und welche oftmals nur die Aufmerksamen unter uns mitbekommen, wie die Stadtplanung. 

Im Rahmen eines Uni-Projektes hat sich meine Projektgruppe mit Gender Mainstreaming in der Stadtplanung der Stadt Wien befasst. Ich durfte mit meiner Kollegin Marie Rathmann ein qualitatives Leitfadeninterview mit Dipl.Ing.in Eva Kail, Leiterin der Leitstelle für Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen in der Wiener Stadtbaudirektion, zu den aktuellen Themen im Gender Mainstreaming führen. Dadurch bekamen wir nicht nur einen sehr detaillierten und ausführlichen Blick in die allgemeine Lage des Gender Mainstreamings in der Stadtplanung, sondern gingen sehr inspiriert und mit tollen Ergebnissen aus dem Interview heraus. Bei der Recherche zu Beginn ist mir ein Themenfeld besonders aufgefallen – die Toiletten im öffentlichen Raum und der Gender Aspekt, der damit einhergeht. Ich war zeitweise fassungslos, wie viele sich mir bis dato unbekannte Probleme auftaten.  

Öffentliche Bedürfnisanstalten Wien, Graben u. Schottentor 
© Linda Jäck

Bei meinem Rundgang in den Wiener Innenstadtbezirken sind mir die zuvor recherchierten Probleme tatsächlich begegnet; auf den Männertoiletten waren vereinzelt Personen, während die Damentoilette überfüllt war. Zudem gab es eine obligatorische Zahlungspflicht bei den Damen, beispielsweise bei der öffentlichen Bedürfnisanstalt am Graben und Nähe des Schottentors. Für die Männer war das Urinieren gratis. Wie kann es sein, dass ein Grundbedürfnis für ein Geschlecht Geld kostet, welches für das andere gratis ist? Wenn die Damentoiletten jedoch gratis sind, sind sie oft so schmutzig, dass man sie lieber meidet. Warum wird das nicht subventioniert? Oder anders – warum wird nicht eine Vorrichtung für Frauen angebracht, damit diese sich auch gratis erleichtern können?  
Dem Awareness-Raising, welches es zu Themen wie den öffentlichen Toiletten geben sollte, widmet sich auch ‚Vaker in de media‘ (Öfter in den Medien). Das Team von VIDM aus den Niederlanden bietet Trainingskurse für weibliche Expertinnen aus diversen Berufsfeldern an, um eine optimale Medienpräsenz zu erzeugen und das individuelle Selbstbewusstsein zu stärken.  

In den Augen der Medien fehlt es Frauen oft an Charisma“ 

Vaker in de Media

Über die Jahre hat sich ein bestimmtes Bild von einem Experten entwickelt, welches stark männlich geprägt ist. Wenn die betroffenen MedienmacherInnen damit konfrontiert werden, folgt häufig das Argument, dass es nicht genug weibliche Expertinnen gibt oder, dass diese nicht charismatisch genug sind. Um solche Argumente zu kontern, werden von VIDM verschiedene Kurse angeboten, in denen Expertinnen lernen, wie sie sich in den Medien darstellen können. Sie erhalten Feedback und das System des Newsmaking wird erklärt. Nicht zuletzt wird den Teilnehmerinnen geholfen, ein optimales öffentliches Profil zu erstellen, damit JournalistInnnen aufmerksam werden und öfter auch weibliche Expertinnen bei ihren Recherchen in Erwägung ziehen.  

Ähnlich wie das Fazit unserer Studie zu Gender Mainstreaming in der Stadtplanung lässt sich hier sagen; Awareness schaffen ist das A und O! Ich behaupte, würden mehr Menschen darauf aufmerksam gemacht werde, dass Damentoiletten Geld kosten und Männertoiletten nicht, würde es ein großes Umdenken und Reflektieren geben. Ähnlich wie bei dem Problem, dass Experten meist männlich sind; es ist gesellschaftlich schon so ‚normalisiert‘, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, dass fast alle Zitate und Interviews zu wissenschaftlichen Themen von Männern sind.  

Öffentliche Bedürfnisanstalten Wien am Burggarten, am Schönbornpark und am Graben
© Linda Jäck

Siehe auch: 

Handbuch Gender Mainstreaming in der Stadtplanung der Stadt Wien: https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/b008290.pdf 

Wer die Meinungen zu Gender Equality einiger Berühmtheiten wie Tory Burch oder Eva Longoria lesen möchte, findet hier den aktuellen Shriver Report. http://shriverreport.org/get-the-latest-published-shriver-report-free/


Quellen

Johan Galtung / Mari Holmboe Ruge(1965): The Structure of Foreign News. The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Norwegian Newspapers. In: Journal of Peace Research 2. S. 64-91. 

ZALEWSKI, M. (2010): ‘I don’t even know what gender is’: A discussion of the connections between gender, gender mainstreaming and feminist theory. Review of International Studies, 36(1), 3-27. doi:10.1017/S0260210509990489 

Shriver, M., Boushey, H., O’Leary, A., Podesta, J. & Center For American Progress. (2009): The Shriver report: a woman’s nation changes everything. [Washington, D. C.: Center for American Progress] [Web.] Retrieved from the Library of Congress, https://lccn.loc.gov/2010278192. 

Europäisches Institut für Gleichstellungsfragen, Gender Mainstreaming.   

https://eige.europa.eu/gender-mainstreaming Zugriff 20.1.2020. 

Becker, Ruth. (2010): In: Handbuch Frauen- Und Geschlechterforschung ; Ruth Becker ; Beate Kortendiek (Hrsg.) Unter Mitarb. Von Barbara Budrich …, Wiesbaden, 2010. Print. 

Bundekanzleramt. Einkommen und der Gender Pay Gap.  

https://www.frauen-familien-jugend.bka.gv.at/frauen/gleichstellung-arbeitsmarkt/einkommen-gender-pay-gap.html Zugriff: 20.1.2020 

Oechsle M. (2008): Work-Life-Balance: Diskurse, Problemlagen, Forschungsperspektiven. In: Becker R., Kortendiek B. (eds) Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. 

Advancing Gender Equality in Media Industries. Vaker in de Media. 

https://resbank.agemi-eu.org/scheda.php/?id=70 Zugriff 25.01.2020. 

Stadt Wien. Gender Mainstreaming in der Praxis. https://www.wien.gv.at/menschen/gendermainstreaming/beispiele/ Zugriff: 20.01.2020. 

Aspern die Seestadt Wiens. Die Seestadt ist weiblich. https://issuu.com/asperndieseestadtwiens/docs/dieseestadtistweiblich_juli2019_90c0ba86cc8e2f Zugriff: 20.01.2020. 

Schwittenberg. Acne Studio Sweater ,Gender Equality’. 

https://www.schwittenberg.com/Herren/Acne-Studios-Schwarzer-Sweater-Casey-Gender-Equality.html Zugriff: 25.01.2020. 

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