Für eine Sprache, die die Geschichte aller erzählen kann.

Von Corinna Crestani

„The images the media gives us affect the way we see ourselves and the world. Equality in the news media paves the way for equality in real life.“

Who makes the News? GMMP 2015, WACC Global 2015 [1]

Sprache schafft Realität.

Sprache bedingt, wie wir die Welt sehen. Sprache ist jedoch nie wertneutral und vermittelt abhängig davon, wer spricht und wessen Perspektive beleuchtet wird, bestimmte Bilder einer Realität.  Die deutsche Sprache gilt, vor allem seit Luise Puschs Werk aus 1984[2], als Männersprache. Das generische Maskulinum ist als sprachliche Norm („die die Frau aber doch mitmeinen will!“), weit verbreitet und hinterlässt seine Spuren in der heteronormativen Gesellschaft. Geschlechterspezifische Diskriminierung in der Repräsentation durch Sprache, gehört im individuellen Sprachgebrauch durch die Massenmedien zum Alltag in unserer Gesellschaft.

In den vergangenen Monaten habe ich zusammen mit weiteren Kolleginnen die sprachliche Repräsentation von Gender bei der Stadt Wien untersucht. Die Stadt Wien implementierte durch das Dezernat für Gender Mainstreaming im Rahmen eines Gender Mainstreaming-Ansatzes einen Leitfaden für gendergerechtes Formulieren[3] innerhalb sämtlicher Publikationen, wie Presseaussendungen und der Homepage der Stadt Wien.

Für Gender Mainstreaming gibt es kein universales Handbuch, welches eingesetzt und dadurch automatisch Erfolg garantiert. Jedes Unternehmen und jede Institution, welche es sich zur Aufgabe machen in den eigenen inneren Strukturen und der Repräsentation nach außen etablierte Geschlechterungleichheiten dauerhaft aufzulösen, benötigt dafür einen individuellen Ansatz, welcher praxisorientierte Strategien und Fähigkeiten beinhaltet, die auf Ungleichheiten und Diskriminierung aufgrund von Gender reagieren, aufmerksam machen und diese schlussendlich bekämpfen.

Am Beispiel der Stadt Wien hat sich in Bezug auf die geschlechtergerechte Sprache gezeigt, dass durch die Einführung eines Leitfadens zwar ein Schritt in Richtung der gleichwertigen Repräsentation von allen Geschlechtern getätigt wurde, dieser jedoch von seiner/seinem Endgegener*in abgefangen wurde. Diese/dieser Endgegner*in manifestiert sich in über hunderte Jahre hinweg etablierte und exekutierte Normen der Gesellschaft. Und diese lassen sich eben nicht einfach durch ein, in seiner Langfassung 19-seitiges Dokument bekämpfen. Während das Projekt der Durchsetzung für geschlechtergerechtes Formulieren bei der Stadt Wien schon in den Kinderschuhen stecken blieb, wie sich an den untersuchten Presseaussendungen zeigt (nur knapp über 50% der analysierten Presseaussendungen wurden durchgängig gegendert) liegt das eigentliche Problem in den alles umfassenden heteronormativen gesellschaftliche Strukturen aus umliegenden und hierarchisch darüber liegenden Institutionen, die mit der Durchsetzung eines solchen Vorhabens verbunden sind.

It’s a BIG issue.

Die Erfolglosigkeit des Leifadens lässt sich anhand von Problempunkten auf zwei Ebenen erklären: Auf der Rezipient*innen Ebene gibt es viele Menschen, welchen die nötige Medien-und Sprachkompetenz aufgrund von mangelnder Bewusstseinsbildung fehlt, um gendergerechte Formulierungen adäquat einordnen zu können. Entweder wird gendergerechte Sprache nicht als solche verstanden oder dessen Verwendung wird als notwendige Regel, die für Verfasser*innen und Konsument*innen mit einem Mehraufwand einhergeht oder als Stellvertreterin einer (männerfeindlichen) Ideologie aufgefasst.

Auf der Publikationsebene werden die Presseaussendungen der Stadt Wien an Medienhäuser weitergleitet und dort publiziert, wo sie in der Regel auch erst von den Bürger*innen konsumiert werden. Österreichische Medienhäuser sehen bisher jedoch noch meist von der Verwendung von geschlechtergerechter Sprache ab. D.h. selbst wenn 100% aller Pressemitteilungen der Stadt Wien geschlechtergerecht formuliert wären, würden diese trotzdem von den Bürger*innen mit der Verwendung des generischen Maskulinums konsumiert werden. Auch im Inhalt der Presseaussendungen konnte bei der Häufigkeit der Thematisierung von Frauen und Männern, und derjenigen die zu Wort kommen eine große Diskrepanz festgestellt werden (37% der thematisierten Subjekte sind weiblich; 39% die zitiert wurden sind weiblich). Auch hier ist nicht klar, ob die Zahlen ein internes Problem der Stadt Wien sind, die primär Männer zu Wort kommen lässt oder ein weitreichenderes Problem, welches bedingt, dass Männer global öfter in Führungspositionen gelangen und dadurch eher zu Wort kommen dürfen und thematisiert werden.  Die offiziellen Zahlen dafür deuten auf ein globales Problem hin, denn nur 24% aller thematisierten Subjekte in Nachrichten sind weiblich (GMMP 2015[4]).

Auch hier zeigt sich wieder: Das Einführen eines Regelwerks für genderneutrale Sprache ist nicht die Universallösung des Problems. Gesellschaftliche Mechanismen, wie eine fehlende Bewusstseinsbildung für genderspezifischen Perspektiven innerhalb einer Thematik fließen in das Zahnrad von Kommunikation mit ein und müssen großflächig institutionsübergreifend manipuliert und werden, um eine geschlechtergerechte Repräsentation durch Medien zu ermöglichen.

Bewusstseinsbildung als Lösungsvorschlag.

Gender Mainstreaming zeigt sich also auch hier als ein langwieriger komplexer und interdisziplinärer Prozess. Der Grund, weshalb dieser Leitfaden im Rahmen seiner Möglichkeit, zumindest momentan nicht sein volles Potenzial ausschöpfen kann, ist also die fehlende Bewusstseinsbildung innerhalb der, an das Kommunikations-Dispositiv der Stadt Wien angrenzender, Institutionen, sowie der Individuen in der breiten Gesellschaft. Diese Grenzen der fehlenden Bewusstseinsbildung fungieren wie eine Wand, die der einfache Gebrauch von gendergerechter Sprache ohne die Bildung eines generellen Bewusstseins dafür innerhalb der Gesellschaft und der einzelnen Institutionen, nicht zu durchbrechen vermag. Für die Lösung dieses Problem bedarf es der komplementären Zusammenarbeit mehrerer ineinander übergreifender Institutionen.

Eine Organisation, die sich darum bemüht diese Grenzen der Bewusstseinsbildung über Genderdiskriminierung im Mediensektor zu überwinden, ist Who Makes the News[5] mit ihrer End News Media Sexism Campaign[6], welche Nachrichtenmedien an ihre Verantwortung der Einhaltung professioneller Werte in Bezug auf faire, ausgewogene, akkurate und nichtdiskriminierende Berichterstattung erinnert.

Die Kampagne stützt sich auf die Zahlen desGlobal Media Monitoring Projects[7]. Ziel der Kampagne ist die Bewusstseinsbildung auf mehreren Ebenen. Durch Social-Media Kampagnen und die Möglichkeit für Unterstützer*innen der Kampagne über Missstände und positive Aspekte bei der Integration von genderspezifischen Themen und fairer Repräsentation bei Performance von lokalen Nachrichtenmedien zu berichten,

sowie Petitionen, informative Videos, ein Toolkit für das Lobbying für gendergerechte Medien und schließlich ein Selbsteinschätzungstool für Medienmacher*innen, welches ihnen verrät wo und wie sie sich bei der Integration von genderspezifischen Themen im eigenen Content orientieren können, erreichen sowohl das konsumierende Individuum der Gesellschaft als auch publizierende Medienhäuser.

Faire Sprache: ein allumfassendes Projekt.

Dieses Best-Practice-Projekt zeigt, dass auf mehreren Ebenen gleichzeitig gearbeitet werden muss, um ein Bewusstsein in der Gesellschaft dafür zu schaffen, was die Verwendung von geschlechtergerechte Sprache bedeutet, warum sie so wichtig für faire und ausgewogene Repräsentation ist und wie dies unsere Gesellschaft verändern kann. Dafür müssen die ineinander übergreifenden Institutionen, vom Individuum bis zu großen Medienhäusern und Verwaltungen, bei der Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft zusammenarbeiten, um so eine Atmosphäre zu schaffen, in welcher gendergerechte Sprache verstanden und akkurat angewendet werden kann, um künftig eine Sprache verwenden zu können, die nicht diskriminiert und die Geschichte aller Menschen erzählen kann.


[1] Who Makes the News? GMMP 2015; URL: https://www.youtube.com/watch?v=QT5dj-EdXKc&feature=youtu.be [03.02.2020].

[2] Pusch, L. (2015). Das Deutsche als Männersprache : Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik (Erstausg., 14. Aufl.. ed., Edition Suhrkamp 1217 = N.F., 217). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[3] Stadt Wien: Leitfaden für genschlechtergerechtes Formulieren und eine diskriminierungsfreie Bildsprache; URL: https://www.wien.gv.at/medien/service/medienarbeit/richtlinien/pdf/leitfaden-formulieren-bf.pdf [03.02.2020].

[4]  Macharia, (2015). Who makes the news? Global media monitoring project (GMMP) 2015, Toronto: World Association for Christian Communication, S.6.;URL: http://cdn.agilitycms.com/who-makes-the-news/Imported/reports_2015/global/gmmp_global_report_en.pdf [03.02.2020].

[5] Who Makes the News; URL: http://whomakesthenews.org/ [03.02.2020].

[6] Ens News Media Sexism Campaign for Gender-Just News; URL: http://whomakesthenews.org/advocacy/end-news-media-sexism-by-2020 [03.02.2020].

[7] Macharia, (2015). Who makes the news? Global media monitoring project (GMMP) 2015, Toronto: World Association for Christian Communication, S.6.;URL: http://cdn.agilitycms.com/who-makes-the-news/Imported/reports_2015/global/gmmp_global_report_en.pdf [03.02.2020].

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