Die Stadt der Frauen

Bild: © unsplash.com

Von Linda Jäck, Marie Rathmann, Ekaterina Chernyshova, Veronica Fodo, Anastasiia Pukha und Paola Petrac

Abstract

Based on action research we did a group project about gender equality with the aspect how gender mainstreaming should be avoided at urban planning in the city of Vienna. Our samples are the urban planning projects Neubaugasse and Aspern-Seestadt. We conducted by interviews the policy objectives of the urban planning projects and if tried to figure out if they satisfy the people who live there.

By interviewing the expert of gender equality in urban planning Eva Kail, we found out the objectives of the projects, e.g. the attempt to to balance the inequality of street names in Vienna to implement the social roles of the inhabitants of Vienna starting with the conversion of Neubaugasse. Also, the term “Angstraum”, which means a place that is not socially observed and can cause fear was discussed with Eva Kail. She tells us that especially women are affected by such places, which in most cases can be avoided by building flats next to such places so people can feel safer when they have the impression that someone can hear them in case of emergencies. We also interviewed inhabitants, who live in the area of our samples. The findings showed that most of the people are satisfied with the urban planning projects, but there also are some opinions showing little or no satisfaction. 

During our research we found out that in Vienna only 7% of the street names are female and 3% of them are only in Aspern-Seestadt. The people who live there are partly aware of the fact that almost all of the streets are named after women, but they do not know why or do not care after whom the streets and squares are named after. Apart from the interviews we also did field research in form of observations in the areas of Neubaugasse and Aspern-Seestadt and captured our findings in videos and a written version. The output of our research will be displayed in form of a blog entry with videos on the platform ‘Let’s Talk Equal’.


History Herstory

Traditionell wurde der öffentliche Raum hauptsächlich von Männern, für Männer geplant. Frauen nutzen den öffentlichen Raum jedoch grundlegend anders als Männer. Es bedarf einer modernen und geschlechtssensiblen Stadtplanung, um die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen und Männern zu berücksichtigen. 

Aber in welchem Ausmaß wurden die Gender Equality-Ziele der Wiener Stadtplanungsprojekte umgesetzt? Am Beispiel der Neubaugasse als zukünftige Begegnungszone und der „Smart-City“ Seestadt-Aspern, werden Planungskonzepte dargestellt und mit den Wahrnehmungen von Bewohnerinnen und Bewohnern abgeglichen. 

Der Alltag im gendergerechten Quartier

Man spricht bei einer „Stadt der kurzen Wege“ von einer polyzentrischen Städtestruktur. Das heißt eine Großstadt hat nicht nur einen zentralen Ballungsraum, sondern verschiedene lokale Zentren. Diese zeichnen sich unter anderem durch eine effiziente Infrastruktur und ein organisiertes Nahversorgungsangebot aus.

Des Weiteren sind Arbeits- und Ausbildungsstätten in unmittelbarer Nähe. Die Quartiersbildung mit unmittelbarem Nahangebot soll unter anderem gewährleisten, dass Versorgungsaufgaben von Jedermann und –frau, ohne großen Zeitaufwand erledigt werden können. Vor allem für Frauen habe kurze Wege besondere Vorteile, da diese sich nach wie vor meistens um die Kinder kümmern und Erledigungen im Alltag bewerkstelligen.

Genderexpertin und Dipl.-Ing.in Eva Kail veranschaulicht den komplexen Alltag einer Frau am Beispiel einer fiktiven Wegekette:

„Der Alltag einer berufstätigen Frau ist in der Regel sehr komplex. Das bezieht sich auch auf jene, die Erwerbstätigkeit und Betreuungsarbeit kombinieren. Ich bringe zuerst ein Kind in den Kindergarten, dann ein anderes Kind in die Schule. Daraufhin gehe ich zu einem öffentlichen Verkehrsmittel und fahre in die Arbeit. Nach der Arbeit kann ich aussuchen, ob ich zuerst einkaufen gehe und dann die Abholkette in Bewegung setzte, oder in der Putzerei vorbeischaue.“

Es ist natürlich zu hoffen, dass der Männeralltag eine genauso komplexe Wegekette aufweist diese in einer Familie ihren fairen Anteil übernehmen.

„In einer „Stadt der kurzen Wege“ lassen sich Erwerbs-, Familien- und Versorgungsarbeit besser vereinbaren. Durch eine vielfältige Mischung von Wohnbebauung, Arbeitsplätzen, Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen entsteht ein dichtes Netz an unterschiedlichen Nutzungsangeboten im Quartier.“ 

— Damyanovic, Reinwald, Weikmann & Wien Magistratsabteilung 18, Stadtentwicklung und   Stadtplanung, 2013, S. 25.

Frauen nutzen für diese Wegekette grundsätzlich andere Verkehrsmittel als Männer, weshalb auch die Verkehrs- und Mobilitätsplanung einen wichtigen Gender-Equality-Aspekt bildet. Durch die ehemals stark männerdominierte Stadtplanung, die anfangs hauptsächlich darauf ausgerichtet war, dass der Mann schnell in die Arbeit und wieder nach Hause kommt, wird sich nun versucht zu distanziert. Innovative und gendergerechte Projekte, wie der Umbau der Neubaugasse, werden ins Leben gerufen.

Zlata P., Bewohnerin der Neubaugasse

“Ehrlich gesagt, wohne ich erst seit einem halben Jahr in Neubau, aber ich habe hier alles was ich brauche: mein Yoga-Studio, einen Supermarkt, sogar einen Späti …haha der ist besonders wichtig am Wochenende. Mir fehlt jedoch noch ein kleiner lokaler Markt. Alles anders ist okay.”

Insbesondere ältere Personen und Kinder können von dem Projekt der Neubaugasse als Begegnungszone profitieren. Durch vermehrte Sitzmöglichkeiten, die Verkehrsberuhigung und die Bäume, die bei heißen Temperaturen Schatten spenden, soll ein angenehmes Klima und hohe Lebensqualität entstehen.

„Grob vereinfachend kann man sagen, dass viele Personen im Individualverkehr und auf dem Rad männlich sind, während Frauen meist zu Fuß unterwegs sind und die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Das verflacht sich zwar etwas, aber dennoch gibt’s diese Zuschreibungen.“

— Dipl.-Ing.in Eva Kail

Spaces with social eyes

Der Begriff „Angstraum“ bezeichnet in der Regel einen Ort, an dem Menschen Angst empfinden können. Dominierende Angsträume haben zur Folge, dass Frauen –aber auch Männer- den öffentlichen Raum meiden. 

Laura K., ehemalige Bewohnerin der Seestadt-Aspern

Ich habe den Begriff „Angstraum“ so noch nie gehört. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es sowas in der Art heißt, wie Orte wo sich Situationen auffinden lassen bzw. regelmäßig auffinden lassen, die Angst hervorrufen können. Also zum Beispiel sowas wie eine dunkle Gasse in der Nacht.

Dipl.-Ing.in Eva Kail erklärt uns, inwieweit soziale Kontrolle eine Maßnahme gegen „Angsträume“ bildet. 

„Dort, wo ich beleuchtete Fenster sehe und das Gefühl habe, ich rufe um Hilfe und es schaut jemand runter und ruft die Polizei. Dort, wo jemand das Fenster aufmacht und im Ernstfall herunter ruft, da fühle ich mich wesentlich wohler. Wenn ich mich zwischen toten Fassaden bewege, habe ich das Gefühl, dass es niemand mitkriegt, wenn mich jetzt jemand attackiert oder belästigt.“

Die Allgegenwärtigkeit von sozialer Kontrolle wird unter anderem durch einen Nutzungs-Mix von Hausanalagen gewährleistet. Unter anderem der Bürgersteig sollte im Blick der BewohnerInnen und Geschäftslokalen sein, damit tote Winkel vermieden werden können.

„Jedes Projekt muss der qualitätsvollen Behandlung der Sockelzone höchste Aufmerksamkeit schenken und einen Beitrag leisten zur Attraktivierung des angrenzenden öffentlichen Raums.“

Müller, Wien 3420 Aspern Development AG, 2018, S.40.

Betrachtet man die „Gender Equality“-Stadtplanung, sind direkte Maßnahmen zum Erhalt von Erdgeschosszonen unumgänglich. 

Bewusstsein schaffen durch weibliche Straßennamen

Frauen und Männer sind im Wiener Stadtraum nicht gleich repräsentiert. Vor dem Bau von der Seestadt-Aspern, waren 4002 Orte in Wien nach männlichen Persönlichkeiten benannt und nur 492 nach weiblichen. Seit dem Jahr 2019 gibt es schon 54 Namenspatroninnen in der Gegend Seestadt-Aspern. Insgesamt konnte immerhin eine Steigerung von 5 % auf 7 % der in Wien nach weiblichen Persönlichkeiten benannten Orte stattfinden.

„Ja, ich weiß, dass hier alle, vielleicht fast alle Straßennamen weibliche sind, aber ich weiß wirklich nicht warum.“

Bewohner der Seestadt, anonym

Durch die vermehrt weiblichen Straßennamen soll ein kollektives Bewusstsein für starke, weibliche Persönlichkeiten geschaffen werden. Vor allem für die junge Generation sollen weibliche Straßennamen als potentielle Rolemodels gelten. In der Seestadt werden die Biografien der Frauen als Theaterstücke aufgeführt, wodurch sich viele Kinder automatisch mit diesen Frauen der Geschichte auseinandersetzen. Die Wiener Frauenstadträtin Kathrin Gaal äußerte sich dazu: „Wir wollen Frauen sichtbar machen. Die Straßennamen in der Seestadt erinnern an starke Frauen und ihre herausragenden Leistungen. Damit holen wir Frauen vor den Vorhang.“ 

Vor Ort haben wir Bewohner und Bewohnerinnen aus Aspern-Seestadt befragt wie sie die Namensgebung in Seestadt-Aspern finden. Wir haben Sie zu Beginn schätzen lassen, wie sie denken, dass die Relation zwischen weiblichen und männlichen Straßenamen in Wien ist. Die Bewohnerinnen und Bewohner, die interviewt wurden waren ziemlich übermutig und haben auf 50/50 geschätzt und einmal auf 60% männliche und 40% weibliche Straßennamen.  

Große Namen, die Geschichten erzählen können

Neben vielen bekannten österreichischen weiblichen Persönlichkeiten gibt es auch internationale Namenspatroninnen sowie zum Beispiel die US-amerikanische Rockikone Janis Joplin bis hin zur 1. Afrikanischen Nobelpreisträgerin Wangari Maathai.

Jedoch war leider bei den Interviewten kaum eine/r der Persönlichkeiten bekannt, nach dem die Orte in Aspern benannt sind. Bei unseren Interviews in der Seestadt, die wir mit dortigen BewohnerInnen führten, stellte sich heraus, dass viele sich nicht bewusst sind, dass die Namensgebung stark einseitig ist. So sagte einer der Probanden, dass es „vielleicht die Hälfte, beide“ sind. Eine weitere Interviewpartnerin wusste zwar, dass es einen Fokus auf weibliche Straßennamen gibt, gab aber nur „60% männlich“ an. 

„Ich lerne grad die Persönlichkeiten kennen, denn bei uns im Haus werden dazu auch Veranstaltungen gemacht, also manche HausbewohnerInnen bei uns machen kleine Ausstellungen dazu.“

— Bewohner der Seestadt, anonym

„Gerade für Schulkinder und Jugendliche ist es ein ganz wichtiges Signal, wenn es völlig selbstverständlich ist, dass man in Umgebung lebt, die nach vielen bekannten und beeindruckenden Frauen benannt ist. Ich glaube, dass diese Symbolkraft oft belächelt wird, dass die Sprache aber wirklich Bewusstsein schaffen kann.“

— Dipl.-Ing.in Eva Kail


Forschungsfrage: Inwiefern stellen die Ziele der Stadtplanungsprojekte in Neubau und Seestadt-Aspern, in Bezug auf Geschlechtergleichheit, die Menschen zufrieden, die dort leben? 

Die Ziele der Stadtplanungsprojekte stellen die Menschen größtenteils zufrieden. Durch die Interviews mit den in der Seestadt Aspern und der Neubaugasse ansässigen Personen stellte sich heraus, dass die meisten Bewohner die Projektarbeit der Stadt Wien schätzen, sofern sie davon wissen. Nur wenige gaben an, sich kaum oder gar nicht dafür zu interessieren, während niemand komplett unzufrieden war. 

Als Abschließendes Fazit lässt sich ergänzen, dass die Stadt Wien als Vorreiter in Sachen Gender Mainstreaming steht. Insgesamt kommt dieses Bemühen auch positiv bei der Bevölkerung an. Besonders auffällig während des Forschungsprozessen, insbesondere bei den Interviews war, dass viele der in Seestadt Aspern oder der Neubaugasse lebenden Personen gar nichts von den Bemühungen der Stadt wussten. Somit wäre hier eine Awareness zu schaffen ein zentraler Punkt, den es zukünftig zu beachten gilt. Möglich wäre dies in Form von Aktionen, wie Straßenfesten, Veranstaltungen, Plakatierung oder einem Videospot, der in den Anzeigetafeln den Wiener Linien oder anderen, viel besuchten Orten, abgespielt wird.

Bilder: © Marie Rathmann

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