Im Gespräch: Dr. Ulrike Wüstenhagen

Von Emilia Grabner und Anna Trost

Wien. Frau Dr, Ulrike Wüstenhagen ist seit Anfang an Mitglied bei der ORF Frauen Task Force und bemüht sich um die Gleichstellung von Frauen und Männern. Im ORF war sie bis im Juni 2019 für die Leitung und Administration vom Hörfunk zuständig. Kurz vor Ihrem Pensionsantritt schenkt Sie uns noch einmal einen Einblick in Ihre Erfahrungen im Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter.


Sehr geehrte Frau Dr. Wüstenhagen, vielen Dank zuerst einmal, dass Sie sich die Zeit nehmen mit uns über die ORF Frauen Task Force und das Thema Gender Mainstreaming zu sprechen. Erzählen Sie uns doch ein wenig über sich.

Gerne, ehrlich gesagt bin ich eine sehr lustige Mischung. Ich habe eine schwedische Mutter und einen burgenländischen Vater, bin aber in Stockholm geboren. Daher habe ich wahrscheinlich das Thema Gleichbehandlung und Gender Mainstreaming ein wenig mit der Muttermilch aufgesaugt. Skandinavien war bei diesen Themen damals schon etwas weiter als Österreich. Zudem habe ich aufgrund des Berufes meines Vaters von Südafrika bis Mexiko schon sehr viel von der Welt gesehen, bin aber in Wien unter anderem wegen meines Jus-Studium hängen geblieben. Eher durch Zufall habe ich die journalistische Laufbahn eingeschlagen.

Spannend, wir würden gerne etwas genauer auf Ihren persönlichen Bezug zum Thema Gleichstellung eingehen und warum Ihnen das Thema so ein Anliegen ist?

Mein Bezug zum Thema hat sich aus einem langen Prozess herausentwickelt, bei welchem der Clash der Kulturen durch meine vielen Umzuge sowie weitere persönliche Erlebnisse in ersten Beziehungen sehr einprägsam waren. Vor allem blieb hängen, dass mein Vater einst zu mir sagte: „Schade, dass du kein Bub bist. Mit dem Hirn hätte was werden können aus dir.“ Er hat es nicht böse gemeint, es war eher der Ausdruck einer Haltung, die mich aber damals schon sehr verwundert hat. Auch beruflich stieg ich am Anfang sehr schnell auf, bis ich das Phänomen der „gläsernen Decke“ selbst erleben musste. Plötzlich ging nichts mehr weiter. Dadurch war der erste Grundstein gelegt, dass ich meinte: „Moment einmal, was passiert hier eigentlich? Da muss man wohl was dagegen tun.“

Dieses „etwas dagegen tun“ ist heute auch einer der Gründe, warum wir uns treffen. Sie sind Mitglied der ORF Frauen Task Force und aktiv daran beteiligt, Veränderungen für Frauen zu bewirken. Würden Sie uns einen kurzen Einblick geben?

Angefangen hat alles mit acht Frauen aus den verschiedensten Bereichen des ORF. Themen und Problematik der Frauenförderung waren uns allen ein Anliegen  und wir haben besprochen wie wir den damaligen Zustand ändern könnten. Bei einem Treffen war es dann so weit, dass wir die „Task Force“ gegründet haben, ein Name, für den wir lange kritisiert wurden. Er sei zu martialisch für Frauen, doch ich halte mich lieber an Greta Thunberg und ihrem Slogan: „Wir wollen, dass ihr euch fürchtet.“

Wir wollten uns aber nicht selbst zu offiziellen Vertreterinnen der Frauen des ORF ernennen, weshalb wir mittels eines Postwurfs alle Frauen kontaktierten und sie um ein Treffen baten. Ehrlich gesagt dachte ich, dass niemand kommen werde. Ich war nervös, aber Brigitte Wolf tröstete mich mit den Worten: „Wenn niemand auftaucht, dann trinken wir einen Kaffee und gehen wieder heim.“ Als dann mehr als 200 Frauen den Raum füllten, wusste ich, dass der Bedarf nach Veränderung definitiv vorhanden war.  Mit einem ziemlich einfachen Abstimmungsverfahren haben wir dann Hauptthemen herausgearbeitet und den Forderungskatalog erstellt, welchen wir  – um die Männer nicht zu verschrecken – natürlich anders benannten: Maßnahmenkatalog. Unser erster Erfolg war das Ins- Leben-Rufen des „Mentoring Programms“, welches seit 12 Jahren besteht.

Welche Maßnahmen haben Sie bisher etablieren und durchsetzen können?

Ich hoffe, dass ich jetzt alle auf Knopfdruck abrufen kann, aber die wichtigsten Maßnahmen waren definitiv das Mentoring-Programm, das Curriculum zur Karriereförderung von Frauen und Gender Budgeting. Durch das halbjährliche Auswerten des Gender Pay Gap erweist es sich als äußerst hilfreich, um auf die finanzielle Benachteiligung von Frauen hinzuweisen. Ein großer Erfolg war zudem, dass es uns mit Unterstützung der Politikerinnen Gabriele Heinisch-Hosek und Christine Marek gelungen ist, einen ganzen Abschnitt über Gleichbehandlung im ORF Gesetz zu verankern, in dem auch eine Frauenquote auf allen Ebnen von 45% vorgesehen ist. Diese Quote ist seitdem fixer Bestandteil der Vorgaben des Gleichstellungsplans.

Beeindruckend wie viel die Task Force schon erreicht hat. Was uns auch interessieren würde ist wie es betriebsintern aufgenommen wurde, dass Frauen so öffentlich für Veränderung einstehen?

Prinzipiell sehr gut. Der Generaldirektor hat uns einerseits unterstützt und andererseits gewähren lassen, wenn er nicht unbedingt selbst involviert sein wollte. Wir mussten uns schon alles selbst erarbeiten und organisieren, jedoch legte man uns keine allzu großen Steine in den Weg. Die Haltung im Haus hat sich allerdings sehr verändert. Am Anfang herrschte vorübergehend die Meinung „wir seien eine wildgewordene Frauentruppe, die glaubt Politik zu machen“ und, dass sowieso kein Widerstand geleistet werden müsse, da wir uns in einem halben Jahr völlig zerstritten hätten. Das hat sich nach 12 Jahren noch immer nicht bewahrheitet und jetzt nehmen sie uns durchaus ernst.

Welchen Herausforderungen musstet Ihr euch im Laufe der Jahre stellen?

Was ich schon sagen muss ist, dass es sehr viel persönlichen Einsatz kostet, viel Kraft, Zeit und Energie. Man darf nicht vergessen, dass wir nicht ganz unaufwendige Jobs haben und dann auch noch für alle zusätzlichen Agenden Zeit aufzubringen war schon nicht immer so einfach. Trotzdem muss man ganz klar sagen, dass es sich immer absolut gelohnt hat, da man nicht nur von den Frauen der Task Force, sondern allgemein von den Frauen im Unternehmen unglaublich viel zurückbekommt.

Natürlich ist es aber auch häufig ermüdend Frauenarbeit zu leisten. Es ist manchmal als mache man einen Schritt nach vorne und dann zwei wieder zurück, aber das muss man wohl zur Kenntnis nehmen. Ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz sollte man haben, sonst geht es nicht.

Nachdem wir die Entstehung und die Entwicklung der Task Force besprochen haben, würden uns noch für zukünftige Ziele und Visionen interessieren. Was möchten Sie noch verwirklichen?

Ich habe eine höchstpersönliche Vision, in welcher in 15 Jahren niemand mehr über das Thema Gleichstellung reden muss, da es dann eine akzeptierte Tatsache ist, so wie es in Schweden der Fall ist. Schön wäre, wenn in 20-40 Jahren jemand sagen würde, dass es damals eine Truppe von Frauen im ORF gab, die wirklich wertvolle Arbeit verrichtet hat, die jetzt aber nicht mehr gebraucht wird. Das wäre mir schon ein Anliegen, weil es sehr anstrengend ist, immer kämpfen zu müssen. Ich möchte einfach nie wieder hören, dass Frauen an den Herd gehören, wenn ihr versteht, was ich meine. Man muss wachsam sein, da in Zeiten der Geldknappheit Solidarität und Empathie weniger zählen und somit das Pendel in Frauenfragen schnell wieder in die falsche Richtung gehen könnte.

Sehen Sie sich in Zukunft darin anderen Medienhäusern das Thema Gleichstellung näher zu bringen?

Nachdem ein paar Unternehmen auf uns zugekommen sind und nach Tipps gefragt haben, sehen wir uns schon in der Position bei Nachfrage Unterstützung zu leisten, allerdings fühlen wir uns nicht dazu berufen anderen beizubringen, wie es funktioniert. Ich glaube wir gelten genau deshalb als „Best Practice Modell der Eigeninitiative“ aus ganz Europa, da es uns nicht verordnet wurde, sondern wir es aus eigenem Antrieb gemacht haben.

In welchen spezifischen Bereichen sehen Sie noch großen Veränderungsbedarf?

In den Köpfen! Ja, in den Köpfen, vor allem in denen der Männer. Das soll nicht als Diskriminierung verstanden werden, im Gegenteil. Bewusstseinsarbeit muss geleistet werden, sodass Männer erkennen, dass auch Frauen zum Zug kommen müssen. Es ist weder richtig, wie es Männer machen noch wie es Frauen machen. Es ist ganz einfach anders und hier liegt das Problem. Vielleicht sollte man einfach anfangen zu verstehen, dass Männer und Frauen anders ticken und das ist auch ok so. Was erkannt werden muss ist, dass genau diese Kombination eine Firma erfolgreich macht.

Frauen fehlt oft das nötige Selbstbewusstsein, aber was sie auch sehen sollten, ist dass sie gewillt sein müssen zu kämpfen, wenn sie Veränderung herbeiführen wollen. Klar ist der ständige Kampf anstrengend und fühlt sich an, als ob man mit dem Kopf in die Wand rennen würde, aber irgendjemand muss es ja tun.

Interview mit Frau Dr. Ulrike Wüstenhagen, Anna Trost & Emilia Grabner (rechts nach links)

Wenn ein anderes Unternehmen an Sie herantreten würde, um Tipps für die Gleichstellung von Männern und Frauen zu bekommen, was würden Sie antworten?

Um so etwas wie eine Task Force zu gründen? Zuerst würde ich sagen braucht es Frauen aus verschiedenen Abteilungen eines Unternehmens, um solch eine Gruppe zu bilden. Auch eine Analyse der momentanen Situation der Frau im Unternehmen gilt es durchzuführen, sodass vom tatsächlichen IST-Zustand im Betrieb ausgegangen werden kann, um darauf aufzubauen. Fürchten darf man sich auch nicht! Jede muss sich einen dicken Panzer zulegen und ihre Frustrationstoleranz trainieren, dann besteht eine realistische Erfolgschance. Eine Zahl von sechs bis acht Personen sollte sich zusammenschließen, sodass sie nicht leicht ruhiggestellt werden können. Ich bin aber auch der festen Überzeugung, dass ein Funken Glück dazu gehört.

Hätten Sie zum Abschluss noch einen Rat für zukünftige Generationen, die sich effizient für Chancengleichheit einsetzen wollen?

Ohje, ich bin grundsätzlich nicht so ein Fan von Ratschlägen, da ich der Meinung bin, dass die nächsten Generationen ganz andere Probleme haben werden, wie meine sie hatte. Zum Beispiel hatte ich nie Existenzängste. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man, wenn einem Ungerechtigkeit wiederfährt, den Mut haben muss aufzustehen und was dagegen zu unternehmen. Wenn ich das nicht tue, wird sich die Welt nicht verändern. Wenn ich zur Kenntnis nehme, was mir passiert und nichts unternehme, bleibt alles so wie gehabt.

Wer jetzt noch nicht genug bekommen hat, kann sich hier noch ein paar Insider News über Frau Dr. Wüstenhagen anhören. Wir haben ihr lustige Fragen gestellt, die sie auf Schnelligkeit beantworten musste. Seht selbst was draus geworden ist. 🙂

Podcast mit Frau Dr. Wüstenhagen

Bild: © unsplash.com

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