Dr. Brigitte Wolf: Eine Konversation mit der Landesdirektorin des ORF

Von Sena Karadeniz

„Ich wurde 1990 Bürochefin von Gerd Bacher. Damals war das dem Kurier und der Presse noch einen Zeitungsartikel wert.“

  • Brigitte Wolf

Dr. Brigitte Wolf begann schon während ihres Publizistik- und Psychologiestudiums beim ORF zu arbeiten und führt seit nunmehr 18 Jahren die Rolle als Landesdirektorin des ORF aus. Zuvor war sie beim ORF unter anderem als Pressesprecherin tätig und für die Ausbildungsabteilung zuständig. In unserem Gespräch erzählt sie von ihrer langjährigen Berufserfahrung und gibt uns Einsicht darüber, wie man sich in der Arbeitswelt als Frau durchsetzen sollte.

Was ist Ihnen am Thema Gleichstellung besonders wichtig?

  • Man war früher immer gewohnt, die einzige Frau zu sein und nicht zu sprechen bei Sitzungen, stattdessen nur Protokoll zu schreiben. Das war völlig normal. Ich war von 14 Direktoren die einzige Frau unter 13 Männern. Da habe ich mir gedacht: Toll, irgendwas stimmt hier nicht. Dann kam irgendwann die Task Force und hat mich gefragt, ob ich mich ihnen anschließen möchte. Ich bin in einer Position, wo ich Frauen fördern kann und es war von Anfang an klar, dass wir alle das gleiche Ziel haben – und so habe ich mitgemacht.

Was ist Ihre persönliche Aufgabe in der Truppe?

  • Ich glaube, unsere Stärke war immer, dass wir gemeinsam aufgetreten sind und uns nicht haben auseinanderdividieren lassen. Von daher sehe keine besondere persönliche Rolle. Das hätte ich auch nie angestrebt, denn wir sind eine unhierarchische Gruppe. Christiana, also die Betriebsrätin, ist logischerweise die Wichtigste, weil sie im Stiftungsrat sitzt, aber sonst hat man so keine spezifische Rolle.

Im Internet findet man kaum etwas über Ihr Schaffen heraus. Wie kann es sein, dass es seitens der Women Task Force so wenig Publizität gibt?

  • Wir haben das schon immer so gemacht, dass wir damit nicht nach außen gegangen sind. Das war nie unser Bestreben, weil wir das direkt im System erledigen und nicht außenherum. Es ist eben am naheliegendsten, die Probleme im eigenen Betrieb zu bewältigen. Im Intranet, also für ORF Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sind wir schon zu finden. Außerdem haben wir alle so viel zu tun, dass sich kein Mensch auch noch darum hätte kümmern können.

Hat es Schwierigkeiten bei der Umsetzung gegeben?

  • Klar, schwere Zeiten hat es jede Menge gegeben. Aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen. An Geld mangelt es uns nie, weil wir keins brauchen. Wir haben das alle neben der Arbeit gemacht, in unserer Freizeit. Aber einmal im Jahr gönnen wir uns einen Seminartag, so viel haben wir an Budget.

Woher kommt das Budget für Ihre Arbeit?

  • Wir haben das alle neben der Arbeit gemacht, in unserer Freizeit. Aber einmal im Jahr gönnen wir uns einen Seminartag, so viel haben wir an Budget.

Was sind die wichtigsten Ziele der Task Force?

  • Ich weiß gar nicht, ob das Gesetz ein Ziel von uns war. Das kam so dazwischen bei der Arbeit. Das Ziel ist immer einzig und allein „Gleiche Chancen im ORF für die Frauen“. Das haben wir auch oft erreicht, nicht immer, aber immer wieder. Das Ganze hat man dann in Kleinziele aufgedröselt, also mehr Ausbildung und mehr Mentoring für die Frauen, oder auch die Einführung verpflichtender Hearings. Unser Ziel ist, wie gesagt, dass die Frauen gleiche Chancen haben wie die Männer im ORF. Das ist hoffentlich viel selbstverständlicher für Sie, als es – noch – in der ORF Realität ist. Vor 15 Jahren war das überhaupt nicht so selbstverständlich. Als ich im Jahre 1990 Bürochefin von Gerd Bacher geworden bin, war das dem Kurier und in der Presse noch einen Zeitungsartikel wert. „Bürochef“ ist keine Funktion, über die bis dahin irgendjemand in der Öffentlichkeit geredet hätte, auch heute noch nicht, aber der Umstand, dass es zum ersten Mal in der ORF-Geschichte eine Frau geworden ist, war plötzlich ein Thema. Eine Frau! Also das ist das Ziel für die Task Force, würde ich sagen: gleiche Chancen für beide.

Wissen Sie von ähnlichen Projekten wie von der Frauen Task Force im ORF Bescheid?

  • So wie wir das gemacht haben, Bottom up, sowas haben wir nirgends so gesehen, aber natürlich gibt es in anderen Firmen auch sehr engagierte Betriebsrätinnen oder auch Frauenbeauftragte. Dass sich etwas so aus der Basis heraus entwickelt hat und dann so einen Stellenwert im Unternehmen bekommen hat, ist mir aber nicht bekannt. Ich glaube auch nicht, dass das irgendwo so funktioniert hat.

Was glauben Sie, wieso das so ist?

  • Es gehört viel Entschlossenheit dazu. Man darf sich überhaupt nicht fürchten vor Konsequenzen oder so ­– das ist natürlich in einer privaten Firma möglicherweise etwas schwieriger als in einem so großen Unternehmen wie dem ORF. Es hat bei uns aber auch deswegen schon funktioniert, weil der Generaldirektor uns in Frauenfragen als Vis-à-Vis akzeptiert hat. Das war sozusagen eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Es war also die Unerschrockenheit und die Entschlossenheit der Truppe und auch das Gespür, dass es die richtige Zeit war. Jetzt, glaube ich, wäre es viel schwieriger.

Warum glauben Sie das?

  • Weil es gesellschaftlich jetzt eher rückschrittlich ist. Die Emanzipations- und Feminismusfrage geht jetzt eher zurück.

Inwiefern?

  • Früher waren die für die Rechte der Frauen Kämpfenden andere Kaliber. Sie haben damals stark gegen die Selbstverständlichkeit einer Männergesellschaft gearbeitet und über Parteigrenzen hinweg zusammengehalten. Man kann sich jetzt schwer vorstellen, dass für die Sache der Frau plötzlich eine Grüne, eine FPÖlerin, eine ÖVPlerin und eine SPÖlerin zusammenarbeiten. Ich hoffe, das kippt wieder. Was mich auch sehr betrübt, sind die jungen Frauen, weil sie glauben, sie bräuchten keine Frauensolidarität mehr. Vieles funktioniert die ersten Berufsjahre, aber nach fünf bis zehn Jahren ziehen die Männer an ihnen vorbei. Aber wir haben bis heute schon so viel erreicht, dass Frauen einen leichteren Karrierestart hinlegen können. Wie gesagt, als ich 30 war, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, in einer Sitzung zu sprechen. Ich hoffe, das ist heute jetzt nicht mehr so. Mein Appell an die Jungen: lasst euch nicht blenden, nur weil es am Anfang leicht geht. Das hört auf.

Und was würden Sie uns mitgeben wollen, wie wir dem entgegenwirken können?

  • Naja, wie gesagt, wachsam und skeptisch bleiben. Wenn alles viel zu leicht geht, nicht nachlassen mit dem Wachsam- und Skeptischsein. Vielleicht gibt es ja eh wunderbare Biotope, wo alles perfekt funktioniert, aber dann soll man das auch würdigen. Frauen müssen mutiger sein und sagen (klatscht auf den Tisch): „Nein, das mach ich nicht!“. Das sind die Männer gar nicht gewöhnt. Manche sind ja so groß und stark, weil Sie nie einen Widerstand spüren. Also abgrenzen, würde ich sagen, aufpassen, wachsam bleiben uns alles ein bisschen hinterfragen. Man muss in sich hineinhorchen und dann ändern, was man ändern kann. Wir hören beispielsweise bei unserem Mentoring Programm von jüngeren Kolleginnen immer öfter, dass sie ihre Arbeit gerne und aus Freude an der Sache machen. Das ist zwar gut, nur muss man dann aufpassen, dass andere das nicht ausnutzen. Aber ihr seid eh schon viel toller. Nur: Gebt nicht nach. Sobald man nämlich nachgibt, schlägt das System sofort wieder zurück.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s