Eva Strommer: Ein Gespräch über Gleichberechtigung im ORF und warum die Task Force trotz Social Media Zeitalter keinen Internetauftritt hat

Laura Holzinger und Kim Hufnagl

„Gleichberechtigung ist für mich, wenn der Ruf nach der Quote nicht mehr von Nöten ist.“

Eva Strommer

Eva Strommer kommt aus Wien und lebt mittlerweile im Burgenland, wo sie seit 17 Jahren als kaufmännische Leiterin im ORF-Landesstudio arbeitet. Als Mitglied der Frauen Task Force ist sie für diverse organisatorische Angelegenheiten zuständig – ihr Herzensprojekt ist jedoch das Mentoring. Hierbei haben ORF-Mitarbeiterinnen aus ganz Österreich die Möglichkeit, verschiedene Workshops und Seminare zu besuchen, die von den ORF-internen Mentorinnen in Zusammenarbeit mit der Schulungsabteilung veranstaltet werden.

Welche Ausbildung haben Sie gemacht?

Ich habe ein Sportgymnasium besucht und wollte immer Sportprofessorin werden. Nach der Matura entschied ich mich dann dafür, gleich arbeiten zu gehen und habe einen Job bei der Bank gesucht, weil mich das Finanzielle immer interessiert hat. Ich habe aber nichts gefunden und ganz zufällig bin ich dann in den ORF hineingekommen, weil mein Vater dort jemanden kannte. Ich fing als Redaktionsassistentin an, war PWL-Sekretärin (Sekretärin des Programmwirtschaftlichen Leiters) und habe als Programmmitarbeiterin diverse Sendungen betreut. 2001 war die Position des/der kaufmännischen Leiters/in im Landesstudio Burgenland ausgeschrieben, was ich, zu meiner Verwunderung, dann geworden bin. (lacht)
Es ist ein irrsinnig spannender Bereich, der sehr breit gefächert ist, was mir total Spaß macht.

Nun zum Thema Gleichstellung – Wieso ist Ihnen das Thema wichtig?

Mir war das schon immer wichtig, weil ich nie verstanden habe, warum Männer relativ leicht an Positionen kommen. Männer trauen sich Jobs zu, wenn sie 20% von einem Job können und Frauen zweifeln noch an sich, wenn sie 90% von dem Job können. Ich bin der Meinung, wir Frauen müssen uns einfach mehr zutrauen.

Gab es einen Auslöser für Sie, der Sie dazu gebracht hat, sich für Gleichstellung zu engagieren?

Eigentlich schon als Kind: Ich habe zwei jüngere Geschwister, einen Bruder und eine Schwester. Und meinem Bruder ist immer alles in den Schoß gefallen, während ich mir Dinge härter erkämpfen musste. Und auch, dass wir Kinder damals nicht ernst genommen wurden. Das war mir bei meinen Kindern immer besonders wichtig, nicht zu sagen: „Du bist ein Kind, du hast nichts zu sagen.“ Das ist jetzt nicht unbedingt Gleichstellung von Mann und Frau, sondern einfach das Ernstnehmen von meinen Mitmenschen. Mir ist es ein ganz wichtiges Anliegen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Es macht für mich keinen Unterschied, ob jetzt der Generaldirektor oder die Putzfrau vor mir steht.

Können Sie vielleicht kurz beschreiben, wie die Frauen Task Force entstanden ist?

2006 hatten wir ein Seminar zum Thema „Frauen führen anders.“ Es gab zwar viele Frauen im ORF, aber das waren vor allem Redakteurinnen und natürlich Sekretärinnen. Die Führungspositionen waren fast alle von Männern besetzt. Der Frauenanteil war verschwindend gering – und einige von uns hatten großes Interesse daran, das zu ändern. Im Mai 2007 hatten wir dann eine Auftaktveranstaltung, wo wir einen Maßnahmenkatalog erstellt haben, mit dem wir anschließend zum Generaldirektor gegangen sind.

Warum haben Sie beschlossen, mitzumachen?

Weil es wichtig ist! Ich sage auch immer zu meiner Tochter: Rühren! Lass dir nichts gefallen! Wenn man immer alles schluckt, dann hat man irgendwann einen Knödel im Bauch, der immer größer wird. Wir haben im Mentoring viele junge Frauen mit Doktortitel, Magister, Bachelor, etc. Die haben alle eine hervorragende Ausbildung und werden dann als Sekretärin angestellt. Das geht einfach nicht!

Was braucht es in einem Unternehmen, um so etwas auf die Beine zu stellen?

Extrem viel Engagement! Mut und Kampfgeist – auch, dass man bereit ist, sich mit der Geschäftsführung auseinanderzusetzen. Aber natürlich auch die Akzeptanz des Unternehmens. Man rennt gegen die Wand, wenn die Geschäftsführung nicht gesprächsbereit ist.

Gab es eigentlich Hindernisse?

Natürlich gab es nicht immer nur positive Rückmeldungen. Ich kann’s jetzt nur aus meinem Bereich sagen, aber manche Männer verstehen zum Beispiel überhaupt nicht, warum es ein Mentoring von Frauen für Frauen gibt. Die sehen es überhaupt nicht ein, dass es kein Mentoring für Männer gibt. Das finde ich persönlich total witzig. Das soll ja eine frauenfördernde Maßnahme sein. Außerdem sage ich immer: Ja, macht es doch einfach?! Stellt euch hin und macht es! Ich habe überhaupt kein Problem damit. (lacht)

Was ist Ihre persönliche Rolle in der Task Force?

Ich habe mich von Anfang an eher um das Organisatorische gekümmert. Termine einteilen, Adressenverwaltung und so weiter. Mein ganz spezielles Seelenthema ist jedoch das Mentoring. Dieses Programm halte ich sowieso für eines der großartigsten Erfindungen der Task Force. (lacht)

Was ist für Sie das Wichtigste am Mentoring Programm?

Ich persönlich kenne kein Programm, wo das Feedback von den teilnehmenden Frauen so positiv ist, wie hier. Sowohl von den Mentees als auch von den Mentorinnen. Ich bin selber seit 12 Jahren Mentorin und es ist wirklich toll, was man auch von den Mentees lernen kann. Man gibt nicht nur, sondern es kommt irrsinnig viel zurück. Ich glaube, dass sich die Gesprächskultur im Haus allgemein verbessert hat. Wir haben gelernt, dass man unbedingt aufzeigen muss, wenn mit Frauen falsch umgegangen wird.

Eigentlich wussten wir fast nichts über Sie und die Task Force. Sie haben keine Social-Media-Accounts, keine Website und auch auf orf.at findet man wenig. Warum?

Wir haben bewusst nie etwas in die Öffentlichkeit getragen. Es ist so etwas wie eine Vertrauensangelegenheit, auch gegenüber dem Generaldirektor. Immerhin sind es ORF-interne Themen. Aber es gibt jedes Jahr einen Weihnachtsbrief, mit dem alle Frauen im Netzwerk auf den neusten Stand gebracht werden. Außerdem – warum sollten diese Dinge jemand Außenstehenden interessieren?

Wir denken schon, dass das viele Leute interessieren könnte. Es ist gut zu wissen, dass sich der ORF um Gleichstellung bemüht und dass in diesem Bereich etwas getan wird. Außerdem könnten Sie auch als Vorbild für andere Medien dienen.

Das haben wir, ehrlich gesagt, noch nie wirklich besprochen. Wir haben schon einmal die Erstellung einer Facebook-Seite überlegt, aber da stellt sich dann immer die Frage: Wer macht das? Wir alle haben leider nicht so viel Zeit und müssen uns deshalb auf das Wichtigste fokussieren. Und extra jemanden dafür einstellen? Das wäre undenkbar.

Was haben Sie mit der Task Force schon alles umgesetzt?

Wir haben z.B. die Lila Limette ins Leben gerufen (Anm.: Negativpreis für ORF-Produktionen, die Frauen in ein schlechtes Licht rücken oder wo gar keine Frauen vorkommen), das Mentoring-Programm mit verpflichtenden Hearings für Führungspositionen und die 45%-ige Frauenquote im ORF-Gesetz. Wir haben über 600 Frauen in unserem Frauennetzwerk, machen regelmäßig Stammtische, wo man sich austauschen kann und auch immer wieder Gäste aus der Geschäftsführung dabei sind. Und wir organisieren Frauenfeste.
Wir als Task Force haben 2017 den Medienlöwen überreicht bekommen, worauf wir sehr stolz sind. Wir können zufrieden sein mit dem, was wir schon erreicht haben, aber es gibt noch genug zu tun.

Wegen der Frauenquote von 45% im ORF-Gesetz – die Zahl 45 hat viele von uns überrascht. Warum nicht 50%?

Ich weiß nicht, ob die 50%-ige Quote überhaupt durchgegangen wäre – wir haben ja nicht einmal damit gerechnet, dass die 45%-ige wirklich durchgeht. Aber das war ein Zusammenwirken von Frauen aller politischen Parteien. Wer weiß, wenn wir das geschafft haben, ist die Gleichstellung in Österreich vielleicht generell schon weiter und man braucht über eine 50%-ige Quote gar nicht mehr zu diskutieren.

Welche großen Ziele haben Sie für die Zukunft?

Alle Themen, die wir jetzt haben, werden natürlich weiterlaufen. Wir sind bei weitem nicht dort, wo wir hin wollen. Von der 45%-Quote sind wir noch etliche Schritte entfernt. Ich weiß nicht, ob wir das noch erleben. Eines der wichtigsten Dinge ist jedoch momentan, die Nachfolgeplanung zu sichern, da einige von uns dem Pensionsalter nahe sind. Wir müssen junge Frauen hereinholen, die sich auf die Beine stellen und etwas bewegen wollen. Aber da mache ich mir keine Sorgen. Die jungen Frauen von jetzt trauen sich um einiges mehr als wir damals. Das hat auch etwas mit der Erziehung zu tun. „Du lässt dir einfach nichts gefallen. Du stehst auf und sagst, wo’s lang geht!“ Das lernen Frauen heute sicher früher.
Laura Holzinger / Kim Hufnagl


Das Interview mit Eva Strommer wurde von Laura Holzinger und Kim Hufnagl geführt. Franziska Krause hat sich mit ihnen auf den Weg ins ORF-Landesstudio nach Eisenstadt gemacht, damit der Blogbeitrag fotografisch untermalt werden konnte.
Wir bedanken uns noch einmal herzlich für ein spannendes und lustiges Interview und die leckeren, typisch-burgenländischen Strudel, die wir anschließend mit Frau Strommer bei einer netten Unterhaltung verspeisen durften.

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