Was Limetten mit Gleichberechtigung in der Medienwelt zu tun haben

Von Sonja Wind

Feminismus, die Me-Too-Debatte und die Gender Pay Gap – das sind nur einige Beispiele, die mit ihrer Forderung nach Gleichberechtigung die Agenda der Medien bestimmten. In Folge beleuchten die Medien die unterschiedlichsten Aspekte des Themas Gleichberechtigung. Ein nicht unwesentlicher Aspekt geht dabei jedoch unter: Wie steht es um die Gleichberechtigung innerhalb der Medien selbst?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, interviewte ich im Rahmen unseres Forschungsprojekt zu Gender Mainstreaming zusammen mit Melanie Strobl zwei Mitglieder der „Frauen im ORF“. Dabei stellte sich heraus, dass Gleichberechtigung auch in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender lange nicht selbstverständlich ist.

Ungerechtigkeit in der Medienwelt

Trotz Österreichs Bemühungen, Gleichstellung durch Gesetze sicherzustellen, herrschen ungerechte Verhältnisse in der Arbeitswelt. Obwohl Männer seltener als Frauen einen Universitätsabschluss vorweisen können, verdienen sie im Durchschnitt für die gleiche Arbeit mehr Geld. Von diesen Umständen sind die Medien nicht ausgenommen ­– derartige ungleiche Verhältnisse sind auch dort vorhanden.

Der Umstand, dass die Medienbranche einem „Haifischbecken“ gleicht, gestaltet die Sache nicht einfacher. Die Zahl der verfügbaren Stellen sinkt, jene der StudienabgängerInnen bleibt hoch. Die größtenteils weiblichen Absolventinnen von medienbezogenen Studien sind mit einem übersättigten Arbeitsmarkt konfrontiert, der von Sparmaßnahmen beherrscht wird.

Frauen sind medial unterrepräsentiert

Der Frauenanteil im Journalismus hat sich in den letzten Jahrenzehnten erhöht ­– die anfänglichen 30 Prozent in den 80er Jahren kletterten bis 2008 auf 40 Prozent. Was die Repräsentation von Frauen in den Medien anbelangt, lässt die aktuelle Lage zu wünschen übrig. Auch die Erforschung dieser Thematik bedarf noch einiger Verbesserungen, bislang ist diese nur inkonsistent von einzelnen Feldstudien untersucht worden. Ein Monitoring durch öffentliche Einrichtungen ist bislang ausständig.

Das Team des Journalistinnenkongress führte 2018 in Kooperation mit Media Affairs eine interessante Analyse durch: Sie untersuchten das Bildmaterial sechs österreichischer Tageszeitungen auf die Geschlechterverteilung. Das Ergebnis zeigt, dass Frauen deutlich seltener abgebildet werden. Den geringsten Frauenanteil weist der „Kurier“ auf – 24 Prozent machen Frauen auf Fotos aus. Bei „Standard“ und „Presse“ ist der Anteil um fünf Prozentpunkte höher.

Eine Studie von Kirchhoff und Prandner (2013) zum Fernsehbereich zeichnet ein ähnliches Bild: Männer sind in politischen Diskussionen, Berichterstattung und News-orientierten Genres mit 70-74 Prozent signifikant überrepräsentiert. Dabei zeigten die Daten keine Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern. Erschreckend niedrig ist auch der Frauenanteil in Expertenrollen mit nur 18 Prozent. Das gilt auch für die Führungspositionen (EIGE 2013): Der Frauenanteil ist trotz der vielen qualifizierten Arbeitskräfte extrem niedrig.

Für Gleichberechtigung in den Medien

Dass Strategien in Medienunternehmen eingesetzt werden, um Geschlechtergerechtigkeit zu verwirklichen, ist die Ausnahme. Der Presserat in Österreich verfolgt mit seinem Ehrenkodex zwar unter anderem eine gendersensible Berichterstattung, doch die Wirksamkeit davon ist begrenzt. Denn die Einrichtung kann weder Sanktionen verhängen noch sind Medien, die keine Mitglieder sind ­– etwa die Kronen Zeitung, Österreichs größtes Printmedium ­– an den Kodex gebunden.

Die in Österreich mit Abstand erfolgreichste Gleichstellungsagenda im Medienbereich betreibt der ORF – das verdeutlicht auch die internationale Auszeichnung der UNO. Die treibende Kraft dahinter ist eine Gruppe von Frauen, die sich „Frauen im ORF“ nennt und europaweit als „best practice“ gelobt wird. Sie hat die Verankerung der Frauenquote von 45 Prozent im ORF-Gesetz initiiert und erstellt Maßnahmen, die im Gleichstellungsplan festgehalten werden.

Über die „Lila Limette“ und Zurückhaltung im Internet

Zu jener Frauen-Task-Force gehören unter anderem Brigitte Handlos und Angelika Doucha-Fasching. Im Interview mit den beiden ORF-Journalistinnen erhielten meine Kollegin und ich interessante Einblicke in die Plattform, über die öffentlich relativ wenig bekannt ist. Angesichts des großen Erfolgs ist das verwunderlich. Den Grund für den zurückhaltenden Online-Auftritt erfuhren wir im Gespräch: Die Task-Force versteht sich als „inoffizielles Rädchen“ und ist kein öffentliches Gremium. Auch wenn der Ausbau des Social-Media-Auftritts auf der Agenda steht, wird er eher Nebensache bleiben.

Die „Lila Limette“, dessen Erfinderin Angelika Doucha-Fasching ist, hat eine ORF-interne Möglichkeit eröffnet, auf gender-unsensible Produktionen hinzuweisen. Ziel des „Preises“ ist es, Diskussionen anzuregen und Bewusstsein zu schaffen. Darüberhinausgehend verkörpert die „Lila Limette“ – wie ich finde – wichtige Punkte in Hinblick auf den Umgang mit genderbezogenen Problematiken: Initiative ergreifen, ansprechen statt stillschweigen, hartnäckig bleiben.

Das Erfolgsgeheimnis der „Frauen im ORF“

Zentral in beiden Interviews war „das Netzwerk“. Ohne Zusammenschließung, gegenseitige Unterstützung und das Kontakteknüpfen wäre die Frauen-Task-Force wohl nicht möglich gewesen – oder zumindest nicht so erfolgreich. Das Vernetzen ermöglicht den Austausch mit Kolleginnen über die Landesebene hinweg. Der Erfahrungsaustausch, der dabei stattfindet, ist äußerst wertvoll, denn so können sich die Frauen in ähnlichen Situation gegenseitig helfen. Auch die Mentoring-Programme der Plattform tragen dazu bei, dass sich neue Mitarbeiterinnen mit erfahrenen Kolleginnen vernetzen können. Das Netzwerk scheint eines der wichtigsten Elemente, wenn nicht sogar­ der Schlüssel zum Erfolg der Task-Force zu sein.

„Wir haben einfach getan, nicht gefragt und nicht groß überlegt, wie wir das angehen sollen“, erklärt Doucha-Fasching den Erfolg der Plattform. Auch wenn das natürlich nicht bedeutet, dass die Initiative unbedacht und planlos ins Leben gerufen wurde, gab mir die Aussage einen Denkanstoß. Manchmal ist es vielleicht besser und erfolgreicher, Projekte einfach anzupacken, statt Energie mit penibler Planung zu verschwenden. Dafür sollte man sich mit umso mehr Mut und Überzeugung an die Umsetzung wagen.

Das Beste aus beiden Welten

Während ich Teil der qualitativen Forschungsgruppe war, kümmerten sich die Kolleginnen aus der quantitativen Gruppe um den Datenaspekt unserer Forschung. Die Kombination der beiden Forschungsparadigmen sehe ich sehr positiv – so kann ein noch umfassenderes Bild gezeichnet werden. Die qualitativen Interviews mit den ORF-Frauen gewähren Einblicke auf Mikro-Ebene und beleuchten je nach Gesprächspartnerin unterschiedliche individuelle Aspekte. Die quantitative Datenerhebung deckt hingegen den Zustand auf Makro-Ebene ab und zeigt die Geschlechterverhältnisse im gesamten österreichischen Medienbereich.

Die Einblicke in die Frauen-Task-Force waren nicht nur in studienrelevanter Hinsicht interessant, sondern stellten auch persönlich eine eindrucksvolle Erfahrung für mich dar. Die Gespräche mit den Journalistinnen haben mir vor Augen geführt, wie wichtig Synergie zum Erreichen von Zielen ist. Diese Erkenntnis möchte ich in meiner späteren Karriere einsetzen und auch an Andere weitergeben. Meiner Zukunft in den Medien blicke ich nun mit neuem Enthusiasmus und Entschlossenheit entgegen. Und sollte mich dieser Optimismus doch einmal verlassen, bringt mich ein Limetten-Cocktail bestimmt wieder auf die richtige Bahn.


Weitere Literatur:

Medienstudie: Repräsentation von Frauen
ORF-Gleichstellungsplan
Europäisches Parlament: Gleichberechtigung in Medien
National Case Study Austria
EIGE Factsheet zu Genderequality in Medien

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